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RAD im Pott Frühjahr 2009 Im Pott

Spontanes Fahrradabenteuer entlang der Aare

Eine langjährige ADFC-Tourenteilnehmerin, Brigitte zu Kappenstein, stellte der RIP ihren Bericht zu einem spontanen Radurlaub zur Verfügung:

Gelegentlich radeln Dirk und ich am Wochenende und verleben so herrliche Sonntage. Häufig nehmen wir die Räder auch im Zug mit und entdecken weiter entfernt liegende Ziele. Es war mal wieder einer unserer Sonntage während der Fahrradsaison. Wir warteten auf einen Zug in eine Nachbarstadt. Im Ne- bengleis wurde eine Bahn Richtung Basel angekündigt. Lächelnd schauten wir uns an. Ich nickte vielsagend, danach nickte Dirk bestätigend. Und dann sagten wir im Chor: ,,Sollen wir hinfahren? Die Räder nehmen wir einfach mit." Die Rucksäcke hatten wir sowieso dabei. Wir stiegen ein. Das Abenteuer nahm seinen Lauf. Im Zug hing eine Karte, die wir uns genauer ansahen. Den Rhein hatten wir direkt im Visier, den kennen wir von Zuhause. Es musste schon etwas Spannenderes sein. In Basel wechselten wir den Zug. ,,Lass uns weiterfahren", meinte Dirk, und mir gefiel die Idee. Der nächste Zug ächzte im Schneckentempo die Schweizer Berge hoch. In Meiringen stiegen wir aus. Uns interessiert Natur pur, beispielsweise die Aare-Schlucht, eine Klamm im Berner Oberland. Von der haben wir viel gehört, jetzt möchten wir den Zauber selbst erleben.

Am nächsten Tag erkunden wir zu Fuß die Aare-Schlucht. Die Felseinschnitte sind verschlungen, verwunschen und ausgesprochen beeindruckend. Nach jeder Biegung des dicht gepressten Flusslaufs bietet sich ein neuer Anblick, immer wieder stockt uns der Atem beim Anblick dieser zauberhaften Schweizer Natur. Als Städterin sind mir derartige Aussichten nicht vertraut und so erstarre ich vor Verzücken. Dann meint Dirk: ,,Die Natur ist doch der beste Künstler."

Die Klamm mit dem kalten Schmelzwasser ist auf einer Länge von 1.400 Metern ein bewundernswertes Erlebnis. Der imposante, bewegende Wasserzwinger im Grinselgebiet oberhalb von Meiringen ist ein Muss. Dirk juchzt vor Freude. Das Leben ist schön.

Der nächste Tag führt uns auf den Grinselpass. Schon die Römer und die Kelten überwanden diesen Pass im Oberland Berns. Der Übergang trennt das Mittelmeer von der Nordsee und stellt uns vor besonders herausfordernde Höhenmeter. Zunächst gibt es noch Grün und Streuobstwiesen. Das ändert sich. Die Landschaft leuchtet schließlich mit einer eindrucksvollen Dichte an Eis und Schnee. Auf der Höhe wird mit weit geöffneten gastronomischen Türen eingeladen. Wir nehmen Platz auf den Terrassen. Gletscher, so weit das Auge reicht. Die Strahlkraft der Sonne ist verführerisch. Heißes Essen dampft vor uns in kühler Witterung. Wir genießen die Mahlzeit draußen, sind bester Dinge und
Foto von Radfahrern unter blühenden Bäumen
Foto: Norbert Marissen
erleben zum ersten Mal, wie schön es ist, die Ausläufer einer gigantischen Eisfläche mit der bloßen Hand zu berühren. Einfach ein wundervoller eiskalter Handschmeichler. Wir tätowieren den Anblick mit unserer inneren Kamera - ein unauslöschliches Bild.

Am darauf folgenden Tag folgten wir dem Verlauf der Aare. Wir verlassen Meiringen, vorbei an den Reichenbach-Fällen. Ein Pass und eine Quelle waren nicht mehr auf unserem Weg. Wohl aber mutige Schwimmerinnen und Schwimmer, die sich Abkühlung verschaffen und von Brücken in die Aare stürzen. Auf den Gesichtern ist zu lesen, ein Naturbad muss wunderschön sein.

Wir genossen die angenehme warme Witterung. Die gesamte Fahrt verlief ohne unerfreuliche Zwischenfälle. Unsere Räder brachten uns jeden Tag ein Stück weiter. Unterwegs stärkten wir uns mit Brunnenwasser, genossen die herrliche Landschaft und freuten uns immer auf ein Quartier am Abend.

Es war während einer Mittagspause, als ich feststellte, dass der Gepäckträger lose war. Eine Fahrradwerkstatt, erfuhr ich, ja die gäbe es, allerdings oben auf dem Berg und mittags würde ich da kein Glück haben. Also fuhr ich weiter, bis unerwartet ein stadteigener Betriebshof am Weg lag. Die Belegschaft hatte keine Mittagspause. Kurz und gut, die Herren bekommen nicht so häufig defekte Fahrradträger einer deutschen Urlauberin in ihre Werkstatt. Sie machten sich einen Spaß aus der Sache. Wer da war, versammelte sich um das unauffällige Fahrrad. Spaßend und schwatzend reichten sie Werkzeug und Schraube, sodass die Reparatur schnell ausgeführt war. Als ich die Kaffeekasse im Gegenzug füllen wollte, wurde ich zu meiner Herkunft befragt. Ich überlegte kurz und dachte, welchen Ort ein Schweizer wohl kennen könnte. Dann sagte ich: ,,Raum Düsseldorf." Die Mannschaft wurde mit einem Mal ein Männerchor und sang in höchsten Tönen: "Ach wärst du Dussel doch in Düsseldorf geblieben ..." Unter diesen Umständen bleibt mir nichts anderes übrig, als der Vollständigkeit halber außer der großzügigen Hilfsbereitschaft auch den Schweizer Humor zu erwähnen.

Entlang der Aare folgen viele sehenswerte Orte, wunderschöne Landschaften, Seen und Berge ziehen vorbei. Nahrung für die Sinne, so weit das Auge reicht. Irgendwann lag die quirlige Stadt Bern vor uns. Ein Treffer mit Hochgenuss: unerschöpflich scheinendes Panorama mit Jungfraujoch, überschaubarer dagegen die Berner Altstadt mit ihren hübschen Arkaden. Sie wird wertgeschätzt und steht unter Unesco-Schutz.

Wir brauchen mehr als eine handvoll Tage, bevor wir in Basel mit dem Zug die Heimfahrt antreten mit den besten Erinnerungen im Gepäck. Dirk ist voll des Lobes für die Spontanreise und freut sich schon auf den nächsten Fahrradurlaub.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2009.
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