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RAD im Pott Sommer 2008 Duisburg

6 Fragen an Professor Monheim

Im Rahmen der Duisburger Umwelttage 2008 kam Prof. Heiner Monheim, Verkehrswissenschaftler und Geograph an der Uni Trier u.a. auch zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kommunale Radverkehrspolitik in der klimapolitischen Wendezeit". Prof. Monheim hat der "RAD im Pott" ein Interview gegeben.

RiP: Herr Monheim, Sie blicken auf ein langes Berufsleben zurück, in dem Verkehrspolitik und Stadtentwicklung die Schwerpunkte sind. Die meisten ihrer Kollegen haben im Fahrrad bestenfalls ein Sport- und Freizeitgerät gesehen, das im Alltag kaum Bedeutung hat. Wann wurde Ihnen klar, dass das Fahrrad gerade in der Stadt und im Alltag ein sehr gutes Verkehrsmittel und in vielen Bereichen den Auto und dem ÖPNV überlegen ist?

HM: Schon als kleines Kind, weil der Weg zur Schule ist ja auch ein Alltagsweg. Und bei jedem historischen Foto, das ich ansehe, sieht man Städte voller Radfahrer. Die sind ja nicht aus Freizeit- und Sportinteresse da. Das Rad war immer ein Alltagsverkehrsmittel. Es ist
Foto von Prof. Monheim
eigentlich dummerweise von der Industrie selber in der öffentlichen Wahrnehmung so beschnitten worden, indem der Freizeitaspekt in der Werbung immer in den Vordergrund gestellt wurde. Daraufhin ist das Fahrrad in der politischen Wahrnehmung auf diese Funktion reduziert worden. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Politiker keine Alltags-, wohl aber Freizeitradler sind. Und dann sehen die am Wochenende den vollen Ruhrtal-Radweg. Und dann denken sie: Aha, die sind hier alle unterwegs. Die Statistik sagt aber Alltagsradeln ist viel häufiger als Freizeitradeln.

RiP: Was sind denn die größten Vorteile des Radfahrens, gerade im innerstädtischen Bereich?

HM: Flexibel, sehr leistungsfähig, transportleistungsfähig. Sie müssen sich zu Fuß ja wahnsinnig abschleppen, wenn sie 40 kg tragen wollen. Und es macht Spaß, es ist ein urbanes Verkehrsmittel, Sie sehen ganz viel, Sie sind mitten drin im Leben. Wenn es um das Einkaufen geht, können Sie problemlos zehn Läden nacheinander aufsuchen. Das würde alles mit dem Auto so nicht gehen.

RiP: Wo liegen die problematischen Seiten, auf die bei der Gestaltung des öffentlichen Raums besonders geachtet werden muss?

HM: Wir haben leider 40 Jahre lang dieses Streifendenken gehabt. Jeder bekommt einen kleinen Streifen und der öffentliche Raum wird zerteilt. Ich halte das für den falschen Ansatz. Radverkehr ist Fahrverkehr und der gehört nicht irgendwo an den Rand, sondern in den Fahrraum. Und dieser Fahrraum ist kein privilegierter Raum für Fahrzeuge, denn da müssen ja auch die Fußgänger quer rüber. Wir brauchen im städtischen Raum eigentlich Koexistenz. Das haben wir mit der Philosophie der Verkehrsberuhigung schon in den 80er Jahren versucht. Wir haben ja auch ganz viele Gebiete, wo das gut funktioniert. Und jetzt kommt diese neue Idee des "Shared Space", die einfach noch sagt: Räume alle Verkehrsschilder weg, dereguliere den Verkehr. Mache den Verkehr wieder zu einer sozialen Veranstaltung, wo die gegenseitige Rücksichtnahme in § 1 der StVO eigentlich alles regelt und der Rest nicht mehr nötig ist.

RiP: Viele Eltern, aber auch Senioren haben Angst mit dem Rad durch die Stadt zu fahren, weil es zu viele Gefahrenstellen, d.h. Konflikte mit dem motorisierten Verkehr gibt. Duisburg verfügt über zahlreiche stillgelegte Bahntrassen. Der ADFC fordert seit Jahren die Nutzung dieser Trassen als Fuß- und Radwege, weil man dort die Stadt sicher und zügig durchradeln kann. Wäre die Realisierung dieser Vision nicht kostengünstiger und zukunftssicherer für die Stadt als die fast hilflosen, aber immer enorm teuren Versuche, die Stadt autogerecht zu gestalten?

HM: Der grüne Ring ist toll, ich finde generell diesen Versuch gut, alte Bahn- und Grüntrassen, Schrebergärten usw. für möglichst autofreie Verbindungen zu nutzen. Das ist wunderbar. Aber ich warne davor, der Politik gewissermaßen das Alibi zu geben: Da haben wir was gemacht und dann ist Ende. Fahrradfahren ist eine Aktivität im Quartier. Und nicht in jedem Quartier habe ich diesen Grünzug. Wir sollten das aber trotzdem tun. Das sind ein paar sehr attraktive
Foto von Prof. Monheim auf dem Rad, in einer Diskussion
Verbindungen, die so schnell wie möglich geschaffen werden sollten. Aber daneben muss trotzdem ganz konsequent in den Quartieren, in den Tempo-30-Zonen an einer fahrradfreundlichen Zukunft gearbeitet werden. Das geht mit ganz einfachen Mitteln. Da müssen wir ganz viele Fahrradstraßen ausweisen und Einbahnstraßen, die noch nicht geöffnet sind müssen freigegeben werden. Viel mehr braucht man da nicht. Und dann müssen wir den Leuten klar machen, dass man in den Quartieren nur noch aufsteigen muss. Wir diskutieren leider viel zu oft die Probleme auf den wenigen großen Hauptstraßen. Da gibt es auch wirklich Probleme, aber die muss man nicht permanent in den Mittelpunkt stellen. Man muss lieber zeigen, wo Rad fahren auch heute schon prima in Duisburg möglich ist.

RiP: Investitionen in die Infrastruktur -seien es große teure Maßnahmen oder auch nur die Anlage von Fahrradstraßen - sind mit Sicherheit gut und wichtig, aber brauchen wir nicht auch eine andere Mobilitätskultur, die das Radfahren ganz normal zum Alltag gehören lässt?

HM: Die brauchen wir. Dazu müssen wir ganz einfach kommunizieren, dazu müssen die Journalisten schöne Artikel schreiben und dazu muss die Stadt in professionelle Werbung investieren. Und dazu müssen wir aufhören, so verbissen zu kämpfen. Wir müssen einfach mehr die positive Seite betonen. Duisburg braucht eine gute, professionelle Werbung. Ich habe der Stadt angeboten, ihr dabei zu helfen. Mal sehen, ob sie darauf reagiert. Ich denke, Duisburg hat da wahnsinnig gute Potenziale aufgrund seiner Siedlungsstruktur, seiner Lage, seiner Topographie, seiner Bevölkerungsstruktur und der Tatsache, dass es in Duisburg ganz viele Fahrräder gibt. 80 % aller Duisburger haben ja eins. Also wo ist das Problem?

RiP: Herr Prof. Monheim, Sie sind ja nicht nur ein Freund des Radfahrens, sondern auch von Bussen und Bahnen. Die örtliche DVG hat ein schwieriges Verhältnis zum Rad fahrenden Bürger. Gemeinsame Rad- und Busspuren oder die Mitnahme von Rädern in den Bussen sind der Verkehrsgesellschaft lästig oder schlicht unerwünscht. Was sind ihre Erfahrungen aus anderen Städten? Zahlt es sich nicht auch für den ÖPNV aus, ein Bündnis mit dem radelnden Bürger anzustreben?

HM: Ja selbstverständlich. Fahrrad und öffentlicher Verkehr sind Bestandteil des Umweltverbundes, zusammen mit dem Fußverkehr. Da müssen die einfach mal kapieren, dass das keine Gegner sind. Die gehören zusammen. Da gibt es ganz viele Kombinationsmöglichkeiten. Und man kann immer davon ausgehen, dass ein Mensch, der viel Fahrrad fährt, fährt auch viel öffentlichen Verkehr, während ein Mensch, der viel Auto fährt, fährt oft überhaupt keinen öffentlichen Verkehr. Über die Hälfte der Duisburger hat noch nie Busse und Bahnen benutzt. Von denen, die viel auf dem Fahrrad sitzen gibt es aber viele, die zwei Tage auf dem Fahrrad sitzen und dann auch wieder im öffentlichen Verkehr. Die müssen die Synergien nutzen. Wir brauchen Fahrradstationen, wahrscheinlich nicht nur eine sondern eher zehn in Duisburg. Wir brauchen eine gute Kombination.

RiP: Herr Prof. Monheim, vielen Dank für das Gespräch.

DD/HF


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Sommer 2008.
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