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RAD im Pott Herbst 2007 Essen

Verkehrsplanung fällt immer wieder in alte Muster zurück

Gefahrenquelle freigeführte Rechtsabbieger

Ein grundlegendes Merkmal einer Mitgliedsstadt der "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte" (AGFS) müsste es doch sein, Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer zu akzeptieren. Dass dies in Essen einigen Verkehrsplanern immer noch schwer zu fallen scheint, lässt das eiserne Festhalten an den sogenannten "Freigeführten Rechtsabbiegern" bei Kreuzungen und Einmündungen vermuten. Zwar gibt es viele diesbezügliche
Foto des freien Rechtsabbiegers mit abbiegendem Lieferwagen
Gefährlich -- die freigeführte Rechtsabbiegspur an der Kreuzung Bottroper Straße / Grillostraße / Hans-Böckler-Straße
"Altlasten", die sich ja noch entschuldigen ließen als Objekte aus einer Zeit, in der man es noch nicht besser wusste. Dass man aber selbst bei Neubauprojekten immer noch solche Rechtsabbieger einrichtet, mutet schon befremdlich an. Als Begründung muss dann immer die erforderliche Leistungsfähigkeit einer Kreuzung herhalten -- wohlgemerkt die für Autos!

Dass solche Rechtsabbiegespuren die Querungsmöglichkeiten für Fußgänger und Radfahrer nicht nur erschweren, sondern auch gefährlicher machen, spielt offenbar keine Rolle. Die Folgen konnte man jetzt wieder Mitte Juli bei einem besonders drastischen Unfall an einer Kreuzung im Nordviertel erleben. Ein Lkw-Fahrer wollte hier mit seinem 40-Tonner von der Bottroper Straße in die Hans-Böckler-Straße abbiegen. Auf dem freien Rechtsabbieger übersah er dabei einen vorher parallel fahrenden Radfahrer, der eigentlich weiter geradeaus in Richtung Segerothstraße fahren wollte und daher besagten Rechtsabbieger queren musste.

Der Grund für derartige Unfälle: Autofahrer orientieren sich in diesen Rechtsabbiegern fast immer nur nach links und schauen, ob von dort ein Auto kommt. Ist dies nicht der Fall, fahren sie mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit in die Querstraße, was bei den vorhandenen Kurvenradien oft problemlos möglich ist. Eine zusätzliche Orientierung, ob da noch jemand von rechts kommen könnte (so wie in dem geschilderten Fall der Radfahrer), findet kaum statt. Perfiderweise sind diese im rechten Winkel die Fahrbahn querenden Furten oftmals mit Zebrastreifen markiert, es gibt also keine speziellen Radfahrstreifen. Rein rechtlich gesehen dürften Radler hier daher gar nicht fahren, sondern müssten ihr Rad schieben -- ein völlig praxisfremder Zustand. Die Stadt ist damit zwar rechtlich aus dem Schneider, eine fahrradfreundliche Lösung sieht indes anders aus.

Einen derartigen Zustand findet man beispielsweise schon seit vielen Jahren an der Kreuzung Marie-Juchacz-Straße / Wuppertaler Straße / Ruhrallee (die RAD im Pott hat bereits mehrfach darüber berichtet). Spezielles Problem hier: Es handelt sich um einen besonders stark frequentierten Zweirichtungsradweg, über den die touristisch herausragenden Radwanderrouten "RuhrtalRadweg", "Rundkurs Ruhrgebiet" sowie die "Kaiser-Route" verlaufen. Einzige positive Veränderung an dieser Stelle war bislang die Verkleinerung des Kurvenradius für Autofahrer, so dass deren Geschwindigkeit ein wenig gedrosselt werden konnte. Im Gegenzug wurden die ursprünglich dort aufgebrachten und sogar rot eingefärbten Radspuren wieder entfernt, weil diese bei einem Zweirichtungsradweg nicht der Straßenverkehrsordnung entsprächen. Statt dessen hat man auch hier auf dem freien Rechtsabbieger einen Zebrastreifen aufgebracht, so dass Radler eigentlich absteigen müss(t)en. Natürlich macht dies in der Praxis niemand -- jedoch verbunden mit dem Risiko, dass man im Falle eines Unfalls zumindest eine Teilschuld zugesprochen bekommt.

Derartig gefährliche Rechtsabbiegespuren finden sich in Essen auch anderswo, so z.B. an der Kreuzung Ruhrallee / Huttropstraße. Hier sollen mehrere große alte Platanen gefällt werden, um einen besseren Sichtkontakt zwischen rechtsabbiegenden Autofahrern und den hier querenden Fußgängern und Radfahrern herzustellen. Auf die Idee, den freien Rechtsabbieger mit in die Ampelschaltung zu integrieren, reagiert man beinahe schon erwartungsgemäß ablehnend - wie gesagt, der Verkehrsfluss...

Ein positives und ein negatives Beispiel findet sich kurz hintereinander an der Hans-Böckler-Straße (B 224) im Westviertel. Schlecht gemacht ist die die Kreuzung mit der Altendorfer Straße, an der sich freigeführte Rechtsabbieger nach althergebrachtem Muster finden (die Radwege werden hier wieder aus dem Blickfeld derr Autofahrer geführt und queren dann in rechtem Winkel die Fahrbahn). An der Kreuzung mit der Frohnhauser Straße wird dagegen der Radverkehr weit vor den freigeführten Rechtsabbiegern mittels separater Radspuren auf die Fahrbahn geführt und gelangt damit rechtzeitig ins Blickfeld der Autofahrer. Es geht also doch, könnte man meinen.

Dass dem aber selbst bei Neuplanungen nicht unbedingt so ist, zeigt sich bei dem derzeit in Bau befindlichen Berthold-Beitz-Boulevard. An dem zukünftigen Einmündungsbereich in die Pferdebahnstraße hat die Stadt trotz aller Interventionen von ADFC und EFI an ihren Plänen für freigeführte Rechtsabbiegespuren in althergebrachter Art bislang festhalten. Offenbar nimmt man in Kauf, dass hier gleich zwei neue Gefahrenstellen entstehen. Wieso? Bei dem bereits bestehenden Radweg an der Pferdebahnstraße, welcher zukünftig den freien Rechtsabbieger in den Berthold-Beitz-Boulevard, zum anderen den freien Rechtsabbieger aus besagtem Boulevard quert, handelt es sich um einen Zweirichtungsradweg - zumindest solange der gleichzeitig in Planung befindliche Radweg auf der parallel verlaufenden Rheinischen Bahntrasse keine Brücke über besagten Einmündungsbereich bekommt. Die sich fahrradfreundlich bezeichnende Stadt handelt sich also ohne Not neue Gefahrenstellen für Radfahrer ein, wie sie bereits im Ruhrtal an der Marie-Juchacz-Straße existieren.

Sonderfall Berliner Platz

Auch am nicht allzu weit entfernt liegenden Berliner Platz bahnt sich eine für Radler nicht gerade glückliche Lösung an: Hier war vor vier Jahren im Zuge der Planung eines Einkaufszentrums ("Essen Arcaden") ein riesiger Kreisverkehr geplant, allerdings ohne Radverkehrsanlagen. Statt dessen sollten die Radler die sehr breiten Gehwege mitbenutzen dürfen - und dies auch in Gegenrichtung, was z.B. eine Abbiegebeziehung von der Ostfeldstraße in die Altendorfer Straße erheblich verkürzt hätte. Vor allem hätte dies den Radlern eine Wahlmöglichkeiten belassen, auch auf der Fahrbahn fahren zu können. Damit konnten sich damals auch ADFC und EFI anfreunden. Mit dem Scheitern der Pläne für das Einkaufszentrum war dann zunächst allerdings auch der Kreisverkehr auf Eis gelegt.

Inzwischen wird dort fleißig am neuen Einkaufspalast von Karstadt gebaut. Und damit wurden auch die Planungen für den Kreisverkehr wieder aus den Schubladen geholt. Eine umständebedingt nur flüchtig erfolgte Inaugenscheinnahme der Pläne im Rathaus ergab, dass man nun eine separat geführte Rechtsabbiegespur von der Friedrich-Ebert-Straße in die Segerothstraße vorsah. Diese ist zwar mit Ampeln gesichert, eine Umfahrung des Berliner Platzes wird dadurch aber wieder erschwert. Ob hier das letzte Wort gesprochen wurde und ob wie ursprünglich angedacht eine Umfahrung des Kreisverkehrs entgegen der Fahrtrichtung nach wie vor Bestandteil der Planung ist, konnte bis zum Redaktionsschluss nicht mehr in Erfahrung gebracht werden.

All diese Beispiele zeigen auf, dass von einer grundsätzlichen Gleichberechtigung des Radverkehrs gegenüber dem Autoverkehr nach wie vor nicht gesprochen werden kann. Und so bleibt einem nur die Feststellung, dass man in Essen trotz aller Fortschritte, die beim Radverkehr zu verzeichnen sind, von einer wirklich fahrradfreundlichen Stadt nach wie vor weit entfernt ist.

P.S. Der von dem Lkw erfasste Radler hat den Unfall glücklicherweise überlebt, wenn auch schwer verletzt. Er war nicht überrollt, sondern "nur" zwischen erster und zweiter Achse liegend mitgeschleift worden.

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Herbst 2007.
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