Stadterkundung mit dem Oberbürgermeister
Langsam wird es zur Tradition: Zum dritten Mal radelte Oberbürgermeister
Adolf Sauerland auf Einladung des ADFC durch Duisburg. Diesmal war die
Situation in der City der Schwerpunkt der Tour.
Die City ist im Umbruch: Die neuen Veranstaltungs- und Einkaufstempel
City-Palais und Forum sollen neue Gäste ins Zentrum locken. Der
König-Heinrich-Platz wird aufwendig neu gestaltet, vor dem Theater wurde
-- man glaubt es kaum -- ein verkehrsberuhigter Bereich eingerichtet.
Die City soll attraktiver und schöner werden. Urbane Lebensqualität ist
das allseits gewünschte Ziel.
Stararchitekt Lord Norman Foster hat in seinem Masterplan Innenstadt die
Dominanz des Autoverkehrs in der Innenstadt als ernstes Problem
gebrandmarkt, weil sie die neue Lebensqualität stark behindere. Fußgänger
und Radler seien weit weniger problematische Verkehrsteilnehmer, ihre
Interessen gelte es zu stärken. Der Radverkehrsanteil am Verkehrsaufkommen
soll auf 25% gesteigert werden. Da ist er sich mit OB Adolf Sauerland
einig. Leider hat Lord Foster im Unterschied zum Auto- und Fußverkehr
keine konkreten Vorschläge zur Stärkung des Radverkehrs gemacht.
Der ADFC sieht diese Lücke im Masterplan als Aufforderung zu
bürgerschftlichem Engagement. Auf der Tour mit der Stadtspitze - neben dem
OB nahmen auch Umweltdezernent Dr. Peter Greulich, die
Radverkehrsbeauftragte Frau Scheel und Herr Fehr von der
Innenstadtentwicklungsgesellschaft teil - haben wir einerseits auf die
alltäglichen Probleme, die den Radverkehr erschweren, hingewiesen. Des
weiteren haben wir unsere Visionen, die eine nachhaltige Steigerung des
Radverkehrsanteils befördern, vor Ort erläutert.
Problembereich 1: Radverkehrsbehindernde Beschilderungen
In der City zwingt ein Netz von Einbahnstraßen die Radler zu zeitraubenden
und teilweise gefährlichen Umwegen. Exemplarisch seien genannt:
Moselstraße, Neckarstraße, Claubergstraße, Börsenstraße ... Wer sich nicht
bestens auskennt oder bereit ist, sich ordnungswidrig zu verhalten,
verliert schnell die Orientierung und kommt viel später und genervt ans
Ziel. Hier tut die Öffnung der Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung für
Radfahrer Not. Fast alle Straßen sind breit genug, um dies gefahrlos
machen zu können. Daher fordern wir die flächendeckende Öffnung. Die oft
genannten Sicherheitsbedenken sind durch wissenschaftliche Studien der
Bundesanstalt für Straßenwesen und die Erfahrung anderer Städte
eindrucksvoll widerlegt. Sie haben sich schlicht als irrationale
Vorurteile erwiesen. Wie nützlich diese Öffnung ist, zeigt sich auf der
Wall- und Grünstraße. Autofahrer und Radler respektieren sich gegenseitig.
Weder der Oberbürgermeister noch die Pressevertreter wurden über den
Haufen gefahren. Der sehr beliebte Dellplatz mit Kino und Gastronomie ist
endlich gut für Radler zu erreichen. Ein wichtiger Schritt in die richtige
Richtung!
Problembereich 2: Keine Beschilderung wichtiger Ziele in Stadt
Radler nutzen gerne autoverkehrsarme Nebenstrecken, weil es sicher, leiser
und nervenschonender ist. Solche Nebenstrecken sind aber nicht beschildert
und so ist es schwierig, gute Wege zu finden. Man gerät vor
Einbahnstraßenschilder, muss links und rechts abbiegen und die
Orientierung geht rasch verloren. Hier hilft eine durchdachte
Beschilderung für Radfahrer mit den großen weißen Schildern und roter
Beschriftung. Das ist in vielen Städten Standard: Oberhausen, Berlin,
Düsseldorf, Münster, Krefeld, Ratingen... Nur in Duisburg hat man die
Entwicklung lange Jahre verschlafen. Die Verwaltungsspitze zeigte sich
unserem Wunsch aufgeschlossen und ist sich der Notwendigkeit eines
Veloroutenetzes bewusst, wenn der Radverkehr nachhaltig gefördert werden
soll. Der ADFC wird nicht locker lassen und über die Entwicklung
berichten.
Problembereich 3: unzureichende sichere Radabstellmöglichkeiten
Fahrraddiebstahl ist ein massenhaftes Phänomen. Kaum ein Radler, der nicht
schlechte Erfahrungen gemacht hat. Viele Radler fahren daher mit alten
Rädern in die Stadt. Das schützt zwar nicht sicher vor Diebstahl, aber der
Schaden hält sich in Grenzen. Die guten Räder werden nur dann benutzt,
wenn man sie vor Diebstahl sicher weiß. Die Radstation am Hauptbahnhof
bietet sehr guten Schutz. Aber sie ist viel zu weit von der Königstraße,
vom Dellplatz oder dem Innenhafen entfernt. Sichere Abstellmöglichkeiten
gibt es dort zu wenig oder sie fehlen an diesen und anderen Orten fast
ganz. So kettet man die Räder in seiner Not mit dicken Schlössern an
Laternen, Geländer oder Schildermasten. Kein schöner Anblick und für
Fußgänger zu häufig ein Hindernis. In den Niederlanden gibt es weit
bessere Lösungen. Wir sollten von unseren westlichen Nachbarn lernen.
Bewachte Abstellanlagen gibt an wichtigen Orten, natürlich gut
ausgeschildert. Die Akzeptanz ist sehr gut und das Stadtbild gewinnt.
Schließfächer fürs Gepäck machen den Einkauf in der Stadt wesentlich
einfacher. Bei der Neugestaltung der Innenstadt im Rahmen des Masterplans
sollten ähnliche Lösungen bedacht werden. Am Innenhafen wären sichere und
formschöne Abstellbügel ein erster Schritt.
Umweltdezernent Greulich und OB Sauerland hörten sich die Vorschläge des
ADFC konzentriert an. Sie forderten uns auf, mit dem Büro Foster die Dinge
ausführlich zu diskutieren. Wir wollen diese Chance wahrnehmen und werden
in der RIP berichten.
Problembereich 4: leistungsfähige Nord-Süd- und Ost-West-Querungen
Der Deutschen liebstes Kind, das Auto, beansprucht und erhält den
überwältigenden Teil der öffentlichen Verkehrsfläche. Das schien für
Jahrzehnte der beste Weg zu einer attraktiven Stadt. Die Schattenseiten
der automobilen Mobilität wurden zu oft verdrängt oder geleugnet.
Radverkehr galt in den Augen der Verkehrsingenieure als aussterbende Form
der Mobilität. Dabei hatte im Ruhrgebiet der 50er Jahre sein Anteil noch
vierzig Prozent (!) des Verkehrsaufkommens betragen. Man fuhr mit dem Rad
zu Thyssen, Krupp und den Zechen. Mit dem Rad zur Arbeit hat viele
Vorteile. Mit dem Rad zum Einkaufen auch. Voraussetzung sind
leistungsfähige Radrouten in der Stadt. In der City fehlen besonders
sichere und gut erkennbare Ost-West- und Nord-Süd-Querungen. Vom
Hauptbahnhof zum Rathaus und vom Innenhafen zum Rheinpark ist es heute
unattraktiv, unübersichtlich und gefährlich. Eine durchdachte Konzeption
und eine gute Beschilderung würden helfen. Der ADFC wird in Diskussion mit
der Stadt seine Vorstellungen einbringen.
Fazit
Die Stimmung auf der Tour war gut und man hörte sich
konzentriert zu. Die Probleme wurden ernst genommen und nicht mit schönen
Worten beiseite gewischt. Die neue Radverkehrsbeauftragte, Frau Scheel,
machte sich fleißig Notizen. In einem intensiven Auswertungsgespräch
wurden die Eindrücke verarbeitet. Vier Stunden nahm sich die Stadtspitze
Zeit. Das ist nicht selbstverständlich. Es wurde vereinbart, in
gemeinsamen Gesprächen mit der Fachverwaltung die Probleme anzugehen.
Beide Seiten werteten die Tour als Erfolg.
Dieter Depnering
Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Herbst 2007.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de