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RAD im Pott Herbst 2007 Raus aus dem Pott

Danzig -- Tallin -- Helsinki mit dem Fahrrad

Ein etwas anderer Urlaub

Einen Monat lang habe ich mit meiner Begleiterin eine Radreise von Danzig nach Helsinki durchgeführt und dabei über 1400 Kilometer per Rad, über 300 Kilometer mit Bus und Bahn und einige Strecken mit Fähren zurückgelegt. In den bereisten sechs Ländern mit unterschiedlichen Währungen haben wir jede Menge Eindrücke gesammelt.

Weitgehend sind wir der Küste der Ostsee gefolgt. Theoretisch ist es ganz einfach: Man benutzt immer den internationalen Ostseeradweg R1. Überwiegend haben wir uns auch auf diesem bewegt. In Litauen, Estland und Finnland ist das dank guter Ausschilderung und meist guter Wege und Straßen kein Problem. Selbst in der russischen Region "Nördliches
Foto des Ostseestrandes
Ostpreußen" gibt es auf der übersichtlichen Transitstrecke einige Hinweisschilder. Kalinigrad (Königsberg) erreicht man über die "alte B1". In Lettland dagegen fehlen Hinweisschilder auf den R1 bzw. Radwege generell. Und was in Polen als R1 ausgewiesen ist, ist nicht immer ratsam zu befahren (sandige Waldwege).

Auf der Strecke gibt es jede Menge interessanter und auch unberührter Landschaften, Naturschutzgebiete und Nationalparks, aber auch touristisch gut erschlossene Gebiete, wie beispielsweise die litauische Küstenregion. Hier gibt es jede Menge Geschäfte, die wie in Holland Räder verleihen. Sonniges Wetter mit nur wenigen Regentagen haben zum guten Gelingen der Fahrt ebenso beigetragen wie die Tatsache, dass wir trotz schwer bepackter Reiseräder (Zeltausrüstung) keine Panne zu verzeichnen hatten. Ich habe lediglich nach 60 km übler Schotterpiste eine Schraube meines Fahrradständers verloren. Aber die Strecke hoch zum Kolga Raggs, dem Kap an der Rigaer Bucht, wo die Schraube wohl liegt, wollten wir unbedingt bewältigen.

Sprachlich sind wir mit Englisch und Deutsch gut zurecht gekommen. Manchmal musste man sich aber auch mit Händen und Füßen versuchen zu verständigen. Überall sind wir auf hilfsbereite und freundliche Menschen gestoßen. Ein paar Worte der jeweiligen Landessprache haben wir versucht zu lernen. Aber weit kommt man damit nicht. Was sind zum Beispiel Küsslaugu Leib mit Naturaalse Küsslaugupüreega aus Estland? Dahinter verbergen sich mit Knoblauch gebratene Brotstücke, die man dort wie Chips kaufen kann. Meistens haben wir bekommen, was wir wollten, aber nicht immer.

Reisen bildet. Konfrontiert wird man natürlich mit der deutschen Geschichte (deutsche Burgen, Herrensitze, Hansestädte und andere Baudenkmäler), auch mit der hässlichen jüngeren deutschen Vergangenheit. So lag die KZ-Gedenkstätte Stutthoff auf dem Frischen Haff an unserer Strecke. Sowjetische Kriegsdenkmäler - meist monströs - waren in jeder russischen Stadt, aber auch im Baltikum zu finden, ebenso wie ein deutscher Soldatenfriedhof für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges in Kurassare auf der estnischen Insel Saarema. Frappierend ist der krasse Gegensatz zwischen arm und reich im "frühkapitalistischen" Russland.

Natürlich beschäftigten wir uns mit den baltischen Staaten und insbesondere in Estland mit dessen Verhältnis zu Russland. In Talinn mit seiner wunderbaren mittelalterlichen Altstadt besuchten wir u.a. das "Okkupationsmuseum". Dort widmet man sich der Zeit der Besatzung durch die Sowjetunion (1940/41 und 1944-1991) und Deutschland (1941-1944). Dargestellt werden das Ringen der Esten um nationale Eigenständigkeit und die ungeheuren Verbrechen gegen die Menschlichkeit von beiden Besatzungsmächten.

Insgesamt war es eine Reise mit einem starken Touch von Freiheit und Abenteuer und vielen positiven Überraschungen. Wenn man fast dreißig Tage zusammen unterwegs ist, täglich gemeinsam viele Entscheidungen treffen muss und mit nicht vorhersehbaren Situationen konfrontiert wird, da gehört es auch dazu, dass man sich gut versteht. All diese Hürden zu meistern ist uns trefflich gelungen.

Joachim Drell


Literatur

"Baltikum per Rad" von Michael Moll, Cyclos-Verlag 2006. Sehr brauchbar, abgesehen von der subjektiven Fehleinschätzung über die Schwierigkeiten von einzelnen Etappen. Das Buch beschreibt eine Gesamttour durch das Baltikum entlang der Küste, gibt aber auch für einzelne Länder sowie Fahrten ins Landesinnere gute Hinweise.

Bikeline-Reiseführer von Riga bis Tallin, 2006. Gute Fahrradkarten und Tourenbeschreibungen für den internationalen Ostseeradweg sowie einige Abstecher.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Herbst 2007.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de