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RAD im Pott Frühjahr 2007 Essen

Blick auf eine bewegte Vergangenheit / Teil 2: Die letzten 15 Jahre

30 Jahre Essener Fahrrad-Initiative

Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hatte man das Fahrrad in Essen soweit verdrängt, dass es als Verkehrsmittel faktisch keine Bedeutung mehr besaß. Die gesamte Verkehrsplanung war auf's Auto ausgerichtet. Dies und die Mitte der 70er Jahre politisch initiierte Ölkrise -- gepaart mit dem immer stärker ins Bewusstsein drängenden Umweltschutzgedanken -- führten 1976 zur Gründung der "Essener Fahrrad-Initiative" (EFI).

Die Hauptaufgabe der EFI bestand lange Jahre darin, dass Fahrrad als ernstzunehmendes Verkehrsmittel in Essen wieder ins Gespräch zu bringen. Aber erst als Essen mit der Verleihung der "Rostigen Speiche" als fahrradfeindlichste Stadt Deutschlands 1991 bundesweite Aufmerksamkeit
Foto des von Menschen gebildeten Piktogramms von oben
Das 1995 am Wasserturm an der Steeler Straße mit 200 RadlerInnen gebildete Fahrradpiktogramm
zuteil wurde, begann man sich seitens der Stadt ernsthaft mit dem Radverkehr auseinanderzusetzen. Ein schlüssiges Radroutennetz wurde konzipiert, die Stadt 1995 sogar in den exklusiven Zirkel der "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW" (AGFS) aufgenommen. Alles Dinge, die die EFI (seit 1992 gemeinsam mit dem Essener ADFC) dank zäher Lobbyarbeit maßgeblich mit beeinflusst hat.

Ein Rückschlag folgt dem anderen

Die Stadt durfte sich nunmehr "fahrradfreundlich" betiteln, was aber nicht bedeutete, dass man nun eine kontinuierlich fahrradfreundliche Politik betrieb. So kippte die damals in Essen noch tonangebende SPD im Frühjahr 1996, also bereits ein Jahr nach Aufnahme in die AGFS, trotz massiver Intervention von EFI und ADFC einen ersten Abschnitt des sich damals gerade in der Entstehungsphase befindenden Hauptradroutennetzes (und zwar die Nordradroute im Bereich zwischen dem Altenessener Bahnhof und dem Zentrum von Altenessen). 1998 wurden bei der Verwaltung im ohnehin schon unzureichend ausgestatteten Radverkehrsbereich Stellen gestrichen, so dass starke Verzögerungen bei der Umsetzung des Hauptroutennetzes eintraten.

Dies alles führte schließlich sogar zum Rückzug von Martin Stenert als Fahrradbeauftragten - ein herber Verlust, da dieser sich als besonders kompetent und engagiert hervorgetan hatte. Die AGFS wollte sich dieses Trauerspiel nicht länger anschauen und unterzog 1999 Essen als bis heute einzige Mitgliedsstadt der AGFS einer Kontrollbereisung. Nur knapp konnte Essen einem Ausschluss entgehen. Trotz dieses Warnschusses sollte es in der darauffolgenden Zeit nicht besser werden.

Die im gleichen Jahr überraschend in Essen an die Macht gekommene CDU hatte mit dem Radverkehr nur wenig am Hut. Zwar befürwortete sie im begrenzten Maße noch den Freizeitradverkehr, aber auch hier begann sie diverse Projekte zu kippen. Das betraf Teile des "Emscher-Park-Radweges" zwischen Altenessen und Vogelheim sowie den geplanten Lückenschluss des Radweges entlang des Rhein-Herne-Kanals. Hier verzögerte sie den Bau der Stadthafenbrücke solange, bis der KVR als Bauträger sich anderen Projekten zuwandte. Als Folge wird der Stadthafen eine unüberwindbare Barriere bleiben.

Fast völlig ablehnend verhielt sich die CDU gegenüber dem Alltagsradverkehr. So wurden die in ihrer Planung bereits fertigen Radfahrstreifen auf der Aktienstraße ebenso verhindert wie die auf der Borbecker Straße - beides Bestandteile der Hauptroute Borbeck-Mülheim. Überhaupt waren die gegenüber Bordsteinradwegen viel sichereren und zudem
Foto des langen Tisches mit sitzenden Gästen
Im Jahr 2000 verband am Hauptbahnhof der"Radwegetisch" die Hachestraße mit der Hollestraße
noch preiswerteren Radfahrstreifen ab sofort tabu. Da konnten EFI und ADFC noch so viele Fakten und Argumente liefern, die CDU blieb stur. Die gerade erst fertiggestellte Fahrradstraße Lanfermannfähre in Heisingen ließ man ebenso entfernen wie die Schutzstreifen auf der Schönebecker bzw. auf Teilen der Wiedfeldstraße..

Schließlich wurde im Jahr 2000 sogar die Stelle des Fahrradbeauftragten gestrichen. Allerdings hatte sich die Nachfolgerin von Martin Stenert auch als krasse Fehlbesetzung entpuppt. Nächste Schikane war der Umstand, dass die Verwaltung von nun an nicht mehr von sich aus für den Radverkehr tätig werden durfte. Beschlüsse für Radverkehrsmaßnahmen sollten nur noch die jeweiligen Bezirksvertretungen fällen. Und da diese zumeist auch CDU-dominiert waren, kam von dort so gut wie nichts mehr. Fast alles, was in dieser Zeit noch umgesetzt werden konnte, basierte auf Beschlüssen der vorangegangenen Legislaturperiode. Glücklicherweise konnten aber auch noch einige Radverkehrsprojekte des RVR realisert werden, darunter der Zollverein-Radweg.

EFI und ADFC standen dem Treiben weitgehend machtlos gegenüber. Anfänglich gab es noch diverse Gesprächsversuche mit der CDU, auch wurde 2001 eine Podiumsdiskussion mit Ratsvertretern aller Parteien in der VHS durchgeführt -- vor allem für den christdemokratischen Vertreter damals eine entlarvende Veranstaltung. Alles zwecklos -- die CDU erwies sich als beratungsresistent.

Es geht wieder aufwärts

Die rückwärts gerichtete Radverkehrspolitik konnte erst wieder mit der letzten Kommunalwahl 2004 gestoppt werden, als die Christdemokraten angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse im Rat der Stadt ein Bündnis mit den Grünen eingingen. Auf einmal wurden wieder neue Impulse beim Radverkehr gesetzt. Hilfreich war hierbei vor allem der Umstand, dass mit dem inzwischen seit über zwei Jahren amtierenden grünen Bürgermeister Rolf Fliß der langjährige EFI-Sprecher und ausgewiesene Experte in Sachen Radverkehr an entscheidender Stelle sitzt. Rolf Fliß ist übrigens mit seiner über 25-jährigen Mitarbeit dienstältester aktiver EFIaner.

Derart politische Kompetenz ist auch dringend notwendig, denn statt politischer Widerstände bläst dem Radverkehr in Essen der Wind nunmehr von ganz anderer Seite heftigst ins Gesicht: Es ist kein Geld mehr da. Größere
Foto des belebten Infostandes mit dem EFI-Infotisch
Gut besuchter Infostand von EFI und ADFC auf der Kettwiger Straße beim Stadtfest "Essen Original" 2005
Radverkehrsprojekte zur Schließung weiterer Lücken im Hauptroutennetz sind in nächster Zeit kaum noch zu erwarten, weil nicht mehr finanzierbar. Ob beispielsweise das bislang sehr erfolgreiche Bahntrassenprogramm fortgesetzt werden kann, wird die Zukunft zeigen. Ansonsten sind vor allem intelligente Lösungen angesagt, die nicht viel Geld kosten, wie z.B. Fahrradstraßen, Einbahnstraßenöffnungen, Fortsetzung der Ausschilderung von Radrouten über Nebenstraßen usw..

Aufsehenerregende EFI-Aktivitäten

Um dem Radverkehr in Essen nachhaltig Auftrieb zu verschaffen, haben EFI gemeinsam mit dem Essener ADFC auch in den vergangenen 15 Jahren immer wieder aufwändige und auch spektakuläre Aktionen durchgeführt. So wurde 1993 die mit 600 Teilnehmern bislang größte Raddemo Essens organisiert, 1995 dann am Wasserturm in Huttrop das aus 200 Radlern bestehende Fahrradpiktogramm gebildet -- letzteres eine logistische Meisterleistung und eine der aufsehenerregendsten Aktionen überhaupt. Im Jahr 2000 wurde mit dem "Radwegetisch" die Nordseite des Hauptbahnhofes für Autos dichtgemacht, eine nicht minder spektakuläre Aktion. 2001 verliehen EFI und ADFC der scheidenden Umweltdezernentin Eva-Maria Krüger, eine maßgebliche Förderin des Radverkehrs in Essen, den "Goldenen Lenker".

Fast schon zur Tradition geworden sind regelmäßige Veranstaltungen am Aktionstag "Mobil ohne Auto" im Juni bzw. am "Europaweiten autofreien Tag" im September. Dazu zählt beispielsweise der bereits erwähnte "RadwegeTisch", die Aktion "Radler fahren vor die Wand" 2004 am Berliner Platz oder die 12-stündige Umradelung der Essener Innenstadt im Jahr zuvor. Bezüglich ihrer Vorbereitung und ihrer Durchführung besonders aufwändige Aktionen waren 2003 der "Verkehrstriathlon" rund um die Gruga sowie der im vergangenen Jahr durchgeführte Fahrradgottesdienst auf dem Weberplatz mit dem sich anschließenden Fahrradfest im Bürgerpark in Altenessen.

In den vergangenen Jahren hat es aber auch mehr und mehr gemeinsame Aktivitäten mit der Stadt Essen gegeben. So wurde 1995 und 1997 zweimal die Aktion "Radler des Jahres" durchgeführt, im Jahr 2000 dann die Mitmachaktion "Rad und Tat". 1999, 2003 und zuletzt 2006 beteiligten sich EFI-Aktive an der Erstellung des offiziellen Fahrradstadtplans der Stadt Essen, wie zuvor schon 1992 und 1998 bei der Anfertigung eines entsprechenden Plans des KV-Verlages. Nicht zuletzt sind die gemeinsam von EFI und ADFC durchgeführten Radtouren Bestandteil des städtischen Fahrradkalenders sowie des "Maitember"-Programms.

Die EFI heute und morgen

Auch hinter den Kulissen waren und sind EFI und ADFC sehr aktiv. Jeweils viermal im Jahr nehmen sie am bereits erwähnten "Arbeitskreis Radverkehr" teil. Hinzu kommen gelegentlich separate Gespräche sowie Ortstermine zu konkreten Projekten. Dies alles erfolgt ehrenamtlich und oftmals sogar tagsüber während der Arbeitszeit, was die Aktiven von EFI und ADFC immer wieder vor große Probleme stellt.

Mehrfach im Jahr werden zu den EFI/ ADFC-Treffen im VUZ Personen eingeladen, die für den Radverkehr in Essen von Gewichtung sind. Rede und Antwort gestanden haben bislang der ehemalige Oberstadtdirektor Hermann Hartwich, die frühere Umweltdezernentin Eva-Maria Krüger, RVR-Planungsdezernent Thomas Rommelspacher, die neue Umwelt- und Baudezernentin Simone Raskob, der erst kürzlich nach Düsseldorf gewechselte Polizeipräsident Herbert Schenkelberg, der Leiter der Verkehrswacht Karl-Heinz Webels und zuletzt im Januar der für die langfristige Stadtentwicklung zuständige Klaus Wermker. Die Gesprächsreihe wird weiter fortgesetzt werden.

Nach wie vor besitzen bei EFI und ADFC neben der Radverkehrspolitik die altbekannten Aktivitäten wie die Radtouren, Infostände usw. einen hohen Stellenwert. Die Zahl der Touren konnte im vergangenen Jahr nochmals gesteigert werden, wobei auch etliche neue Ziele angesteuert wurden. Ziel ist es, gerade den Freizeitbereich in den kommenden Jahren weiter auszubauen, wozu es allerdings einer größeren Zahl von Aktiven, sprich Tourenleiter(innen), bedarf. Erwähnenswert ist noch, dass EFI und ADFC seit nunmehr 16 Jahren einmal im Jahr gemeinsam in Klausur gehen -- beim Radverkehrsseminar im AWO-Tagungshaus im münsterländischen Darup.

Mit dem "Verkehrs- und Umweltzentrum" in der Maxstraße 11 besteht seit 1994 eine gemeinsam mit dem ADFC sowie drei weiteren Verbänden betriebene Geschäftsstelle, in der u.a. jeden Freitag zwischen 17.00 und 19.00 Uhr eine von EFI und ADFC durchgeführte Beratung für Radfahrer angeboten wird (außer in den Schulferien). Hier finden auch turnusmäßig jeden 1. und 3. Freitag im Monat um 19.30 Uhr die gemeinsamen Treffen von EFI und ADFC statt. Ansonsten ist man mit der viermal im Jahr herausgegebenen Fahrradzeitschrift "RAD im Pott" sowie mit einem parallel erscheinenden Rundbrief präsent.

Auch wenn inzwischen viele frühere EFI-Aktive inzwischen Mitglieder im ADFC sind, wird die EFI so schnell nicht untergehen. Die langjährige Tradition, die gute Zusammenarbeit mit dem Essener ADFC und nicht zuletzt ihr immer noch hoher Bekanntheitsgrad sprechen dafür. Also: Herzlichen Glückwunsch EFI und alles Gute für die Zukunft!

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2007.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de