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RAD im Pott Frühjahr 2007 Im Pott

Radler im Pott: Mission bicycle

Im Gespräch: Felix vom Lehn, Diplom-Ingenieur und Vater einer Tochter von 8 Monaten namens Melsene. Seine "Mission" ist, seinen Bekanntenkreis mit Fahrrädern zu versorgen. Er ist kein Mitglied des ADFC und liest gelegentlich Rad im Pott.


RiP: Wozu haben Sie die vielen Räder?

Sammelleidenschaft und Begeisterung für die rollende Fortbewegung. Ich denke innerstädtisch ist das Fahrrad, sofern es schnell griffbereit ist, das schnellste und schönste Fortbewegungsmittel. Zu Fuß ist man zu langsam. Mit dem Auto ist man im Verkehr zu schnell um spontan anzuhalten und am Ende doch zu langsam, da Parkplatzsuche und Ampelregelungen einen aufhalten. Mit dem Rad kann man umher schauen und jederzeit anhalten. Es ist schade, dass nicht mehr Menschen mit dem Rad einkaufen fahren. Das ist alles eine Frage der Gewohnheit. Und das sage ich zudem auch als Autobesitzer!

Mir fiel auf, dass Freunde von mir nicht Radfahren, obwohl sie diesem sehr offen gegenüberstanden. Sie sagten, dass Sie kein Rad besäßen oder ihr gutes Rad zu schnell geklaut werden könnte. Meine Überlegung war, wenn die Freunde mit einfachen Rädern in der Stadt fahren, sie diese jederzeit draußen stehen lassen könnten. Damit stehen die Räder schnell zur Verfügung. So begann ich, Räder zu sammeln und weiterzugeben.

RiP: Woher haben Sie die Räder?

Viele Räder bekomme ich von Schrott-händlern oder von Entrümpelungsunternehmen. Einmal sah ich einen ganzen Laster mit Fahrräder, den konnte ich aber leider nicht verfolgen. Darüber hinaus hätte ich hier sicher mit meinem Vermieter Ärger bekommen.
Foto von mehreren älteren Rädern hintereinander, mit F.Lehn im Hintergrund
Felix vom Lehn mit Rädern, unten rechts: Federsattelstütze der 50er Jahre

RiP: Wie reagieren Fahrradhändler?

Die helfen mir teilweise, wollen aber natürlich auch an mir verdienen. Eigentlich ein Geschäft bei dem ich drauf zahle, da ich die Fahrräder repariere, die Fahrräder aber umsonst weitergebe. Eigentlich schon fast zu idealistisch, aber so müssen wahrscheinlich Hobbies sein. Es ist wie ein Tick. Aber letztlich kommt es den Fahrradhändlern ja auch zu Gute. Genauso, wenn Händler in der Rad im Pott annoncieren. Wenn ich mich dafür einsetze, dass Menschen das Fahrrad benutzen, sind das ja spätere Kunden. Ich mache da so etwas ähnliches wie der ADFC, nur versuche ich weniger politisch oder großflächig aufzutreten. Ich denke, was ich leiste ist Baisarbeit in punkto Radfahren. Direktes Überzeugen hilft mehr als viel Gerede. Radfahren ist schließlich kinderleicht. Ich versuche einfach potenzielle Radfahrer aus meinem Umfeld zu überzeugen, dass Radfahren innerstädtisch schneller, angenehmer und gesünder ist als Auto und Fußmarsch.

RiP: Wie ist denn die Resonanz?

Erfolg hatte ich zum Beispiel bei einer Tänzerin, Zufit Simon, vom Theater und einem kaufmännischen Angestellten, Alexander Yilderim, mit dem ich Fußball spiele. Letzterer fährt mit seinem 80iger Jahre Rad neuerdings sogar bis nach Duisburg. Ein Freund fährt neuerdings mit dem Rad zum Einkaufen, einer fährt bei schönem Wetter im Sommer zum Unterrichten in die Berufsschule. Ein Wirtschaftsstudent kommt mit dem Rad samstags zum Fußball und eine italienische Heilpflegerin macht schon einmal ihre Wochenendausflüge mit dem Rad. Schön wäre es natürlich, wenn sie auch zu ihren verschiedenen Einsätzen mit dem Fahrrad fahren würde.

RiP: Wie viel fahren Sie mit dem Rad?

Nur in der Stadt von A nach B. Für mich hat Radfahren nichts mit Sport und auch nichts mit Freizeitaktivität zu tun! Dabei schade ich niemandem. Selbst im Falle eines Unfalls, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich den höheren Schaden trage als der andere Verkehrsteilnehmer. Allein hier zeigt sich das Plus beim Radfahren. Man lernt schnell, dass defensives Verhalten im Verkehr zur eigenen Sicherheit beiträgt.

Andererseits bedeuten mehr Radfahrer in der Stadt mehr Sicherheit, für die Menschen die schon Fahrrad fahren. Denn so gewöhnen sich die Autofahrer an Radfahrer im Straßenverkehr. Wenn es nur nicht die ungeschickten Stadtplaner gäbe, die selber wahrscheinlich nur selten Rad fahren.

RiP: Was würden Sie denn als Diplom-Ingenieur etwa in Essen verbessern?

Weitere stillgelegte Bahnstrecken müssen unbedingt freigegeben werden, so zum Beispiel in Essen die Strecke parallel zwischen Henri-Dunant-Strasse und Müller-Breslau-Strasse (das sogenannte Rommenhöllergleis d. Red.). Auch der ÖPNV könnte gemeinsam neben dem Rad-Verkehr alte Gruben- und Güterbahnstrecken nutzen.

Was wäre, wenn Städte Parkplätze in der Stadt reduzieren würden, dafür aber ÖPNV gratis einrichten würden? An Schulen sollte das Fahrradfahren popu-lärer gemacht werden. Ebenerdige Fahrradgaragen in Wohngebieten sind notwendig um die Hemmschwelle zur Fahradnutzung zu verringern. Dafür könnten wie in den Niederlanden leerstehende Erdgeschosswohnungen genutzt werden. Alle 500m müsste auf einem Autoabstellplatz eine Box abgestellt werden, für welche die Bewohner einen Schlüssel erwerben können.

Die innerstädtische City-Radroute in Essen, die parallel zur Kettwiger Strasse verläuft, muß prominenter markiert werden. Hier schafft bereits etwas Farbe auf dem Gehbereich Abhilfe. Der Busstreifen am Hauptbahnhof muß für Fahrräder freigegeben werden und zwar mit gestrichelter Markierung auf der Fahrbahntrasse.

Ein kleiner aber bedeutender Punkt: Bordsteinkanten müssen überall abgesenkt werden, dies hilft nicht nur Radfahrern. Konzepte von Fehlplanungen aus den 80iger Jahren, bei denen Radfahrer ungenügend bedacht worden sind, müssen ohne grossen Aufwand mit Fahrbahnabsenkungen, Fahrbahnmakierungen und Beschilderungen behoben werden! Der Isenbergplatz und Eltingplatz in Essen wurden sogar städtebaulich mit Gedenktafeln für gelungenes Bauen geehrt, was ich als geradezu lächerlich ansehe!

Meine Schlussfolgerung: Öffentliches Interesse muß eindeutig und endlich vor privatem Interesse stehen.

K.R.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2007.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de