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RAD im Pott Winter 2006 Essen

Blick auf eine bewegte Vergangenheit / Teil 1: Die ersten 15 Jahre

30 Jahre Essener Fahrrad-Initiative

Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hatte man das Fahrrad in Essen soweit verdrängt, dass es als Verkehrsmittel faktisch keine Bedeutung mehr besaß. Die gesamte Verkehrsplanung war auf.s Auto ausgerichtet. Dieser Umstand in Verbindung mit der Mitte der 70er Jahre aus einer politischen Krise hervorgegangenen Ölkrise, vor allem aber aber der verstärkt ins Bewusstsein drängende Umweltschutzgedanke führte mehr und mehr zu einem kritischen Hinterfragen dieser fehlgeleiteten Verkehrspolitik.

1976 taten sich in Essen mehrere junge Leute zusammen, um angesichts der für Radfahrer katastrophalen Verhältnisse in dieser Stadt etrwas dagegen zu unternehmen. Erst in einem zweiten Anlauf -- nach Durchführung einer
Foto einer kleinen Radfahrer-Gruppe am Straßenrand
Lange Tradition: EFI-Radtouren, hier Anfang der 80er Jahre
Raddemo mit mehreren hundert Teilnehmern -- fanden sich weitere Radler zusammen, um eine arbeitsfähige Interessengruppe zu bilden. Die Essener Fahrrad-Initiative, auch kurz EFI genannt, war geboren. Das eigentliche Gründungsdatum lässt sich allerdings nicht mehr genau bestimmen, denn zum einen ist von den Aktiven aus den 70er Jahren heute niemand mehr dabei, zum anderen gibt es keine Unterlagen mehr aus der Gründungsphase.

Damit stellt sich die bis heute bestehende Charakteristik der EFI dar: Sie ist bis zum heutigen Tag eine Art Bürgerinitiative geblieben, kein eingetragener Verein mit all seinen Formalien. Insofern hat auch nie eine Konkurrenz zum ADFC bestanden, im Gegenteil: Man hat sich in Essen immer perfekt ergänzt. So hat es nicht nur mit der bereits von 1984 bis 1989 bestehenden ADFC-Ortsgruppe, sondern auch mit dem drei Jahre später gegründeten ADFC-Kreisverband eine enge Zusammenarbeit gegeben. Der Kreisverband wurde übrigens auf Betreiben der EFI bzw. aus ihrer Mitte heraus gegründet.

Bis Mitte der 80er Jahre war auch die Aktivenstruktur der EFI sehr wechselhaft, es hat immer eine recht hohe Fluktuation gegeben. In den letzten Jahren ist die Zahl der Aktiven allerdings kontinuierlich zurückgegangen, die zunehmende Präsenz des ADFC macht sich mehr und mehr bemerkbar. Fast alle Aktivitäten der EFI werden mittlerweile mit dem ADFC gemeinsam durchgeführt.

Radfahren populärer machen

Die ersten 15 Jahre radverkehrspolitischer Arbeit bestanden darin, das Fahrrad in Essen überhaupt wieder ins Gespräch zu bringen. Dazu wurden regelmäßig Infostände, Raddemos und Fahrradtouren veranstaltet. 1987/88 produzierte die EFI gemeinsam mit der damaligen ADFC-Ortsgruppe einen Videofilm über das Radfahren in Essen. 1990 organisierte die EFI in der
Gruppenfoto der Personen
Die alte EFI-Garde bei einem Treffen 2006 (v.r.n.l.): Lothar Wolbring, Christoph Filthaut, Rolf Fliß, Germar Heinrich, Axel Morbach, Georg Fürtges, Jörg Brinkmann
damaligen Stadtbibliothek im Gildehof eine Fotoausstellung zum Thema Radverkehr mit umfangreichem Rahmenprogramm, darunter zwei Podiumsdiskussionen. Immer wieder wurden Forderungskataloge aufgestellt, wobei in unregelmäßigen Abständen auch Gespräche mit Politik und Verwaltung stattfanden, die allerdings nur selten konkrete Ergebnisse hervorbrachten.

Zwar begann man in der Stadt in den 80er Jahren zaghaft mit dem Bau von Radwegen, welche jedoch von zweifelhafter Qualität waren. Zumeist zu schmal, dann auch noch auf Kosten der Gehwegbreiten angelegt, dienten sie hauptsächlich dazu, Radfahrer von der Fahrbahn zu holen. Es gab zwar einen stadtweiten Radwegeplan, dieser besaß aber nur bedingt einen Netzcharakter. Und bei Neubauplanungen hat man sich auch nur dann daran gehalten, wenn der Platz dies hergab bzw. der Autoverkehr keinerlei Einschränkung erfuhr. Die Autos sollten freie Bahn genießen. Es war auch noch die Zeit, als ältere, noch vorhandene Radwege Straßenverbreiterungen zum Opfer fielen. Trotz aller Bemühungen mussten die EFI-Aktiven diesem Treiben weitgehend machtlos zusehen.

Die Radwegebenutzungspflicht

Dieser Umstand und die Erkenntnis, dass man angesichts der damals bestehenden Rechtslage diese vielfach lebensgefährlichen Katastrophen-Radwege in jedem Fall benutzen musste, veranlasste die EFI, einmal bundesweit in Erscheinung zu treten. 1989/90 wurde eine Unterschriftenkampagne gegen besagte Benutzungspflicht von Radwegen ins Leben gerufen. 10.000 Unterschriften kamen in ganz Deutschland zusammen, angesichts der komplexen und eher juristisch-trockenen Materie durchaus ein Erfolg. Leider versagte der (Bundes-)ADFC damals eine Unterstützung der Aktion, sonst hätte man vielleicht noch mehr Unterschriften zusammen bekommen. Erst 1997 wurde die Radwegebenutzungspflicht unter bestimmten Rahmenbedingungen aufgehoben, woran neben den eher hinter den Kulissen betriebenen Aktivitäten des Bundes-ADFC auch die Unterschriftenaktion der EFI möglicherweise nicht ganz unschuldig war.

Wendepunkt "Rostige Speiche"

Um den Radverkehr in Essen blieb es nach wie vor extrem schlecht bestellt. Wie schlecht zeigte sich 1991, als die Stadt mit der Verleihung der "Rostigen Speiche" zur fahrradfeindlichsten Stadt Deutschlands "gekürt" wurde. Immerhin bedeutete diese Negativauszeichnung für Essens Radler die lang erwartete Wende in der Radverkehrspolitik - wenn auch eine mit vielen Hindernissen. Die Stadt Essen beschloss, die Voraussetzungen für eine Aufnahme in das Landesprogramm "Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW" (AGFS) zu schaffen, sicherlich auch ein Erfolg der langjährigen Arbeit der EFI. Ein Gutachten für ein Hauptradroutennetz wurde in Auftrag gegeben, an welchem die EFI inhaltlich sogar mitarbeiten konnte. Eine Aufwertung des Radverkehrs schien endlich in Sicht, obgleich -- wenn man sich heute die vielen beim Hauptroutennetz eingegangenen Kompromisse berachtet -- von einer gleichwertigen Behandlung mit dem Autoverkehr nach wie vor nicht die Rede sein kann.

Foto von Busch und Töpfer bei der Verleihung
Tief- und zugleich Wendepunkt: Die Verleihung der "Rostigen Speiche" 1991 in Bonn. Rechts der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer, links Essens damaliger Oberstadtdirektor Kurt Busch
Immerhin wurde 1993 erstmalig die Position eines offiziellen Fahrradbeauftragten eingerichtet, die mit dem besonders engagierten Martin Stenert sogar noch optimal besetzt war. 1994 wurde das geplante Radroutennetz von Rat und Bezirksvertretungen abgesegnet, wenn auch unter dem Vorbehalt, im Nachhinein Änderungen erwirken zu können. Hiervon wurde in der Praxis dann auch immer wieder Gebrauch gemacht - zumeist zum Nachteil der Radfahrer. 1994 konstituierte sich aus den bis dahin unregelmäßig tagenden Gesprächskreisen der "Arbeitskreis Radverkehr", eine bis heute viermal im Jahr tagende Institution, an der neben sämtlichen mit dem Radverkehr befassten Stadtämtern und der Polizei auch EFI und ADFC beteiligt sind. 1995 fand Essen schließlich Aufnahme in die AGFS - die Krönung der gemeinsamen Arbeit von EFI und ADFC.

Aber Essen wäre nicht Essen, wenn nicht schon bald wieder erste Rückschläge zu verzeichnen gewesen wären. Mehr darüber in der nächsten Ausgabe der RAD im Pott.

Jörg Brinkmann


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Winter 2006.
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