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RAD im Pott Winter 2006 Im Pott

Verträgt unsere Region noch mehr Autobahnen?

Leben in der Metropole Ruhr

Unter diesem Motto stand eine von fünf Verkehrsexperten geführte Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, die von der Bürgerinitiative "Stoppt A 52" Mitte November in der Essener Zeche Carl ausgerichtet wurde. Dabei ging es weniger um die seit langem äußerst umstrittene Autobahn mitten durch das Ruhrgebiet (siehe auch der Artikel dazu in der letzten RAD im Pott), sondern mehr um die globalen wie auch lokalen Auswirkungen eines immer weiter ausufernden Autoverkehrs.

Einen breiten Raum nahm das Thema Luftbelastung ein, die im Gegensatz zum eigentlich rückläufigen Trend beim Verkehr sogar noch zunehme. Bei der momentan allgegenwärtigen Feinstaubdiskussion wurde dargelegt, dass die angestrebten Rußfilter die größeren Feinstaubpartikel in der Tat herausfiltern, nicht aber die kleinsten Partikel. Diese seien, weil sie bis in die tiefsten Bereiche der Lunge dringen können, weitaus gefährlicher. Bislang seien diese durch die größeren Partikel weitgehend gebunden worden, was aber jetzt entfiele.

Völlig uneffizient seien die lokalen Sperrungen des Verkehrs, die bislang auch nur dort durchgeführt worden seien, wo Messstationen stünden. So könne beispielsweise eine Stadt wie Gladbeck, in der kein Messcontainer steht, behaupten, dass man kein Feinstaubproblem habe. Dabei führt die jetzt schon extrem stark befahrene B 224, die auch irgendwann zur A 52 ausgebaut werden soll, durch die Stadt. Großräumige Lösungen müssen her, die zumindest im Ruhrgebiet auch geplant sind. So arbeitet man derzeit an der "Umweltzone Ruhrgebiet", bei der -- abgestimmt mit den Städten -- großflächige Sperrungen für Fahrzeuge der Schadstoffklassen 1 und eventuell auch 2 vorgesehen seien.

Generell müssen Lösungen gefunden werden, wie man den Autoverkehr reduzieren könne. Alternative Antriebe wie der vielgepriesene Wasserstoffantrieb seien extrem uneffizient, da allein 80% der eingesetzten (Primär-)Energie bei der Herstellung verloren ginge, was wiederum einen hohen COČ-Ausstoß mit sich brächte. Und selbst die als Antriebsstoff der Zukunft hochstilisierte Brennstoffzelle sei so extrem teuer, dass damit ausgestattete Fahrzeuge mittelfristig unbezahlbar blieben. Also auch keine Lösung, um die heute bereits bestehenden Probleme beim Verkehr zu lösen.

Eine Möglichkeit diesbezüglich soll der "Ruhrpilot" sein, mit dem versucht werden soll, computergesteuert zumindest ansatzweise den Autoverkehr in halbwegs geordnete Bahnen zu leiten. Per Internet können dort dann Stauprognosen abgerufen werden. Verbunden mit der Hoffnung, dass die Autofahrer sich auch daran halten, sollen letztendlich gar keine Staus mehr entstehen, der Verkehr insgesamt flüssiger werden. Letztlich geht es dem "Ruhrpiloten" aber nicht darum, den Verkehr zu reduzieren, sondern den Ist-Zustand besser zu verwalten. Immerhin wird der Öffentlichen Verkehr, sprich also Busse und Bahnen, mit einbezogen, indem man über das Internet Störungen oder Verspätungen abrufen kann.

Foto der Autobahn mit Auto-Schlange
Noch mehr Autobahnen -- ist das die Zukunft im Ruhrgebiet? (hier die zukünftige A 535 in Essen-Kupferdreh)

Überhaupt spielt der ÖPNV im Verkehr in NRW eine bisher imer noch geringe aber hinsichtlich seines Potentials nach wie vor nicht zu unterschätzende Rolle. Voraussetzung ist, dass er effizient gefördert und entwickelt wird. So hat z.B. die Regionalbahn Düsseldorf-Mettmann seit ihrer Neuausrichtung einen Fahrgastzuwachs von 500 Personen/Tag auf 18.000 Personen/Tag erlebt. Angesichts der beschlossenen Kürzungen bei den Regionalisierungsgeldern durch den Bund und fehlender Kompensierung durch das Land kann einem allerdings um die Zukunft des Öffentlichen Nahverkehrs in NRW angst und bange werden. Was wäre, wenn viele der derzeitigen ÖPNV-Benutzer zwangsweise wieder auf's Auto umsteigen würden? Nicht auszudenken....

Und was ist mit dem Radverkehr? NRW gilt mit seiner "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Städte" (AGFS) in Sachen Radverkehrsförderung bundesweit als fortschrittlich. Zielvorstellung ist ein landesweiter Radverkehrsanteil von 15 bis 20 %. Beim "Ruhrpilot" dagegen spielt das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel keine Rolle. Dabei ist es doch eine altbekannte Tatsache, dass das Fahrrad gerade im innerstädtischen Verkehr nicht nur eines der effizientesten, weil schnellsten Verkehrsmittel ist, sondern auch zur Entzerrung der Verkehrsdichte beiträgt.

Die Anteile beim Verkehr in deutschen Städten liegen derzeit bei 50% Autoverkehr, 20% ÖPNV und 30% Fuß- und Radverkehr (wobei die Verhältnisse untereinander je nach Stadt bzw. Region variieren). Der optimale Modal-Split für das Ruhrgebiet läge nach Ansicht der Experten bei 33% / 33% / 33%, also bei jeweils einem Drittel in allen Bereichen. Dabei gelte es den COČ-Ausstoß bis 2020 um 30%, bis 2050 um 80% zu reduzieren. Dann könne man von einer nachhaltigen Mobilität sprechen.

Diesem allen widerspricht die Planung einer Autobahn wie der A 52 mitten durch ein ohnehin bereits extrem belastetes Stadtgebiet ganz eklatant, zumal besagte Autobahn keine Entlastung für den innerstädtischen Verkehr bringen würde. Letzteres geben inzwischen sogar die Befürworter dieser Autobahn offen zu. Es handelt sich vielmehr um eine zusätzliche Nord-Süd-Transitautobahn durch das Ruhrgebiet, deren Linienführung (Köln) - Wuppertal - Essen - Marl (Chemiepark!) - Münster - (Hamburg) verdeutlicht, dass vor allem dem nach allen Prognosen stark zunehmenden Lkw-Verkehr mehr Raum verschafft werden soll.

Was das an zusätzlicher Belastung für das Ruhrgebiet bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Insofern war diese Veranstaltung, welche die Hintergründe und Auswirkungen einer derartigen Verkehrspolitik offenbarte, hochinteressant.

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Winter 2006.
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