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RAD im Pott Sommer 2006 Im Pott

Neue Chancen für den Fahrrad-Tourismus im Ruhrgebiet

Erzbahntrasse und RuhrtalRadweg eröffnet

Der RuhrtalRadweg

Touristische Radwanderrouten entlang von Flüssen sind "in". Das belegen so bekannte Namen wie "Donau-Radweg", "Elbe-Radweg" oder "Weser-Radweg". Nun versucht man im Ruhrgebiet, in diesen exklusiven Zirkel aufgenommen zu werden. Das Ruhrtal, ursprünglich industrielle Keimzelle der Region, inzwischen aber zu einer in vielen Bereichen relativ naturnahen und idyllischen Flusslandschaft avanciert, soll die Basis dafür bilden. Um überhaupt als überregionaler Radweg wahrgenommen zu werden, reichen natürlich nicht die ca. 110 Kilometer im Kernbereich des Ruhrgebiets (also zwischen Schwerte und Duisburg). Und so entschlossen sich die Ruhrgebiet-Touristik und Sauerland-Tourismus, die Radroute von der Quelle
Foto einer Schlange von Radfahrern am Fähranleger
Großer Andrang bei der neuen Ruhrfähre in der Nähe der Ruine Hardenstein
bei Winterberg bis zur Mündung in den Rhein gemeinsam zu vermarkten, wodurch man auf eine Länge von immerhin 230 Kilometern kam.

Vor einigen Jahren wurde ein Lastenheft über all die Dinge erstellt, die zu tun sind, damit der RuhrtalRadweg auch tatsächlich für Radler befahren werden kann (nachzulesen in der RAD im Pott 4/2004). In vielen Fällen ist es dabei den jeweiligen Anliegerkommunen überlassen worden, ob sie die auf ihrem Gebiet bestehenden Defizite abstellen oder nicht.

Leider hat es hier erhebliche Unterschiede gegeben. So wurde im Vorfeld der offiziellen Freigabe explizit die Stadt Essen genannt, die hierbei nichts unternommen habe (NRZ vom 22. März 2006). Das betrifft vor allem die Querung des Ortsteils Werden sowie die sich anschließende Ruhrbrücke -- ein von den Fahrradverbänden ADFC und EFI seit langem angeprangerter Problempunkt. Dass man gerade an solchen Punkten von den aus ganz Deutschland erhofften Radtouristen sicherlich keine Lorbeeren ernten kann, dürfte wohl jedem klar sein.

Bei einer Probetour in der ersten Maihälfte zwischen Witten und Mülheim-Saarn gab es noch diverse weitere Mängel zu verzeichnen -- ärgerlich vor allem für die Eröffnungsphase. Im Einzugsbereich der RAD im Pott beispielsweise waren dies die immer noch bestehenden Baustellen am Südufer des Baldeneysees und die Vollsperrung des Leinpfades zwischen dem Kattenturm und Kettwig. Der (nicht asphaltierte) Weg zwischen Kettwig, Mintard und Saarn befindet sich in einem teilweise erbärmlichen Zustand, was sogar in der offiziellen Karte zum RuhrtalRadweg vermerkt ist.

Im Gegensatz dazu kann die Ausschilderung des RuhrtalRadwegs im großen und ganzen als gelungen bezeichnet werden. Die farbenfrohen Schilder sind gut zu erkennen, wobei es hier und da natürlich noch Nachbesserungsbedarf gibt. Bei einigen Schildern, die man unter die Pfeilwegwieser der NRW-Landeswegweisung gehängt hat, ist die Lesbarkeit nicht immer gewährleistet. Das jedoch hängt mit der grundsätzlichen Problematik bei Pfeilwegweisern zusammen, deren Lesbarkeit nämlich dann schwierig wird, wenn der Wegweiser geradeaus in die Fahrtrichtung zeigt. Erst wenn man unmittelbar neben dem Schild steht, kann man den Inhalt erfassen. Beinahe schon als innovativ dagegen kann die ausgeschilderte Hochwasserumfahrung im Bereich Burgaltendorf bezeichnet werden.

Die Karte zum RuhrtalRadweg

Interessanterweise hat nicht der RVR, der an der Entstehung des RuhrtalRadweges maßgeblich beteiligt war, die offizielle Karte zum neuen Radwanderweg herausgebracht, sondern der Bielefelder Verlag (BVA), der u.a. auch die ADFC-Regionalkarten und die ADFC-Radtourenkarten herausgibt. Das erscheint insofern ungewöhnlich, da man beim RVR mit dem Stadtplanwerk Ruhrgebiet eigentlich über eine gute Kartengrundlage verfügt.

Auf der anderen Seite haben die Bielefelder eine Produktserie über Radwanderwege in ganz Deutschland in ihrem Programm, die sogenannten Spiralos. Bei diesen ist das Kartenbild ist in Einzelblätter aufgeteilt,
Umschlagbild der Karte RuhrtalRadweg, mit einem Foto eines Viaduktes
welche man mittels Ringheftung Ausschnitt für Ausschnitt nach hinten blättern kann. Das erspart unterwegs das vollständige Auf- und Zusammenfalten einer ganzen Karte. Zudem gibt es für das Format spezielle Kartenhalter für den Lenker, so dass man das Kartenbild des Streckenabschnitts, durch das man gerade radelt, immer vor Augen hat.

Die im Maßstab 1:50.000 gehaltene Kartengrundlage entspricht weitgehend den ADFC-Regionalkarten Ruhrgebiet West und Ost. Allerdings beschränkt sie sich ausschließlich auf den RuhrtalRadweg.

Den Kartenausschnitten gegenübergestellt sind entsprechende Informationen über all jenes, was einem unterwegs an Sehenswertem begegnet. Die Karte ist wetterfest in einer Kunststoffhülle eingepackt. Ein beigelegtes Begleitheft enthält nicht nur die üblichen Infos zu Unterkünften, Gastronomie, Fahrradservice usw., sondern auch Tipps zum Radeln mit Handicap und organisierter Radreisen in der Region, aktuellen Veranstaltungshinweisen und einiges mehr.

Die Karte zum RuhrtalRadweg kostet 9,95 €, wobei sich ein Kauf vor allem dann lohnt, wenn man den Radwanderweg auch wirklich fahren möchte.

Die offizielle Eröffnung

Am 30. April erfolgte auf der Zeche Nachtigall bei Witten im Rahmen einer großen Veranstaltung rund ums Fahrrad die offizielle Freigabe des RuhrtalRadwegs. Zuvor war über das Ruhrgebiet eine in ihrer Größenordnung für das Fahrrad bislang einmalige Kampagne gerollt, die in einer 10-seitigen Sonderbeilage in allen Zeitungen der WAZ-Gruppe gipfelte.

Vollzogen wurde die Eröffnung durch die Landtagspräsidentin Regina van Dinther, unterstützt von diverser Lokalprominenz aus den Städten und Landkreisen, die von der Radwanderroute tangiert werden. Aus den vier RAD im Pott-Städten war lediglich die Mülheimer Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld anwesend, niemand Offizielles dagegen aus Essen und aus Duisburg, wobei letztgenannte Stadt immerhin Endpunkt des RurtalRadwegs ist.

Auf der Zeche Nachtigall wurde viel für die Besucher geboten. Und obwohl das Wetter zeitweise sehr zu wünschen ließ, war die Veranstaltung außerordentlich gut besucht, wobei sich viele auch nicht hatten abhalten lassen, mit dem eigenen Rad anzureisen. Und sei es nur, um die neue kleine Personen- und Fahrradfähre in Höhe der Burgruine Hardenstein auszuprobieren, die am gleichen Tag ihren Betrieb aufnahm. Sie soll zukünftig von April bis Oktober die Radler kostenlos (!) von einer Ruhrseite zur anderen bringen.


Freigabe Erzbahntrasse

In ungleich bescheidenerem Rahmen ist nur sechs Tage zuvor, am 24. April, der nördliche Ast des Radwanderweges auf der Erzbahntrasse im Städtedreieck Gelsenkirchen, Herne und Bochum offiziell durch den neuen Landesumweltminister Eckhard Uhlenberg eröffnet worden. Diese
Foto der Personen, die mit Fahrrädern über die Brücke fahren
von rechts: NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg, Gelsenkirchens OB Frank Baranowski und VRR-Verbandsdirektor Heinz-Dieter Klink eröffnen die Pfeilerbrücke der Erzbahntrasse
Bescheidenheit war eigentlich nicht nötig, denn abgesehen davon, dass vom nördlichen Ende immer noch knapp ein Kilometer bis zum Rhein-Herne-Kanal fehlen, braucht sich dieser Radwanderweg wirklich nicht zu verstecken.

Mit einer Gesamtlänge von 10 Kilometern, 18 Brücken, diversen Durchlässen und bis zu 12 Meter hohen Bahndämmen ist die Erzbahntrasse ein mehr als imposantes Bauwerk im Emscher Landschaftspark. Sie basiert auf der Verbindungsbahn zwischen dem Grimberghafen am Rhein-Herne-Kanal und den Stahlwerken des "Bochumer Vereins" nahe der Bochumer Innenstadt. Während man den südlichen Abschnitt bereits in den 60er Jahren stilllegte, diente der nördliche Ast noch bis Anfang der 90er Jahre als Verbindungsstrecke zur Kokerei Zollverein, die u.a. über die Kray-Wanner-Bahn erreicht wurde.

Letztgenannte Verbindung macht die Erzbahntrasse auch für hiesige Radler so interessant. Denn über den Zollverein-Radweg und dem sich in Essen-Kray anschließenden Radwanderweg über besagte Kray-Wanner-Bahn kann man die Erzbahntrasse direkt erreichen, ohne dabei nennenswert mit dem Autoverkehr in Berührung zu kommen. Damit besteht eine nahezu barrierefreie Radfahrverbindung zwischen dem Weltkulturerbe-Komplex Zollverein und der Jahrhunderthalle in Bochum.

Zwei herausragende Objekte auf der Erzbahntrasse, übrigens eine der ganz wenigen Nord-Süd-Radfahrverbindungen im Ruhrgebiet, gilt es noch zu erwähnen:

Wenige Monate vor der Freigabe des Radwegs geriet ausgerechnet die Pfeilerbrücke in die Schlagzeilen, wenn auch eher ungewolt: Offensichtlich ermuntert durch den derzeit weltweit hohen Stahlpreis, hatten dreiste Diebe Teile des Edelstahlgeländers geklaut. Vereinfacht wurde die frevelhafte Tat auch durch die abseiteige Lage, die von Radfahrern ansonsten eher als positiv empfundenen wird. Die entstandenen Lücken waren, wenn auch bereits abgesichert, auch am Eröffnungstag noch zu sehen.

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Sommer 2006.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de