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RAD im Pott Herbst 2006 Im Pott

Endlich Verbesserung bei Baustellen in Radwegebereichen?

Ein ständiges Ärgernis wird angepackt

Baustellen auf Radwegen -- seit Ewigkeiten bringt dieses Stichwort Radfahrer in Rage. Bislang hat es kaum eine Stadt geschweige denn eine Baufirma gegeben, die sich wirklich ernsthaft um eine verkehrssichere bzw. den heutigen Ansprüchen des Radverkehrs genügende Verkehrsführung gekümmert hat. Beliebtestes Schild ist neben einem plötzlich auftauchenden "Radweg Ende" das in typisch deutscher Befehlsform gehaltene "Radfahrer absteigen"!

Während für den Autoverkehr regelmäßig aufwändigste Ausweich- und Umleitungsstrecken konzipiert werden, müssen sich Radfahrer ständig irgendwelchen Schikanen unterwerfen, wobei man in vielen Fällen den Verursachern noch nicht einmal einen bösen Willen unterstellen kann. Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber den Belangen der Radfahrer sind
Foto der Baustelle an der Hollestraße mit Schild Radfahrer absteigen
Bislang typische Ausschilderung bei Baustellen auf Radwegen inkl. "Radfahrer absteigen" (seit Monaten bestehende Baustelle auf der Hollestraße in Essen)
wohl eine der Ursache dieses Umstands. Vor allem an kurzfristig eingerichteten Tagesbaustellen zeigt sich dies immer wieder, wenn es der ausführenden Baufirma zu aufwändig erscheint, sich ernsthaft um eine alternative Verkehrsführung zu kümmern.

Bislang typische Ausschilderung bei Baustellen auf Radwegen inkl. "Radfahrer absteigen" (seit Monaten bestehende Baustelle auf der Hollestraße in Essen)

Da tun sich plötzlich Löcher mitten auf dem Radweg auf, natürlich nur unzureichend abgesichert, der Radverkehr wird ohne irgendeine Absicherung in den fließenden Autoverkehr abgeleitet. Baustellenschilder -- natürlich nur an die Autofahrer gerichtet -- stehen mitten auf dem Radweg, Fußgänger werden, wenn sich die Baustelle auf dem Gehweg befinden, einfach auf den Radweg gelenkt. Die Liste diesbezüglicher Missstände ließe sich noch beliebig fortsetzen, würde hier jedoch den Rahmen sprengen.

Das Behörden aber selbst dann, wenn man sie konkret auf baustellenbedingte Missstände hinweist, sich nicht um radfahrgerechte Lösungen bemühen, zeigt eine Mitteilung von ADFC-Mitglied Volker Müller aus Mülheim. Seine Versuche, die ausschließlich für Radfahrer geltende Sperrung der Eisenbahnunterführung Steinkampstraße in Mülheim-Styrum im dortigen Baustellenbereich aufzuheben, scheiterten am Widerstand der zuständigen Mülheimer Behörde. Beinahe schon als lebensgefährlich muss man die derzeitige Situation für Radfahrer in der Essener Innenstadt am Berliner Platz im Umfeld des in Bau befindlichen Karstadt-Einkaufszentrums bezeichnen. Die bislang hier vorhandenen Radfahrstreifen sind verschwunden, man kann Radlern nur raten, den Bereich möglichst weiträumig zu umfahren -- und das voraussichtlich über Jahre hinaus.

Wie schlecht es um die Behandlung von Radfahrern in Baustellenbereichen steht, hat auch der letztjährige Fahrradklimatest des ADFC gezeigt, wo es bei der Baustellenproblematik fast immer die schlechtesten Noten gegeben hat -- selbst bei den Städten, die insgesamt gut abgeschnitten hatten. Duisburg, aber auch die sich fahrradfreundlich nennenden Städte Essen und Mülheim bekamen in besagter Disziplin jeweils eine "Fünf" verpasst. Oberhausen, bundesweit immerhin auf Rang Drei, erreichte in punkto Baustellenführung lediglich nur eine "Vier".

Aber nun ist endlich Land in Sicht, wenn auch zunächst nur theoretischer Natur. Die "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW" (AGFS), der auch die Städte Essen, Mülheim und Oberhausen angehören, hat in diesem Frühjahr unter dem Titel "Baustellenabsicherung im Bereich von Geh- und Radwegen" einen Leitfaden für all die Personen herausgegeben, die mit dieser Thematik befasst sind.

Das vornehmlich für "Profis" gedachte Heft entpuppt sich auf den zweiten Blick auch für den Laien als sehr anschaulich. In etlichen farbig gehaltenen Grafiken wird aufgezeigt, wie eine störungsfreie

Verkehrsführung für Radfahrer wie auch für Fußgänger innerhalb von Baustellen zu gewährleisten ist. So sollte beispielsweise an einer Baustelle für einen Radweg eine Breite von 1,00 m verbleiben (Gehweg 1,30 m), ein kombinierter Rad- und Gehweg dagegen müsste 2,00 m breit sein. Wird ein Gehweg für Radfahrer freigegeben (wobei die Fußgänger Vorrang genießen, Radfahrer im Zweifelsfall aber auch auf der Fahrbahn fahren dürfen), reicht eine Breite von 1,50 m. Ist all dies nicht möglich, muss eine Ausweichfläche auf der Fahrbahn eingerichtet werden, natürlich entsprechend gegen den Autoverkehr abgesichert.

Grundsätzlich nicht gestattet ist laut Leitfaden das alleinige Aufstellen des bereits erwähnten Schildes "Radfahrer absteigen" - schon gar nicht in der häufig zu beobachtenden selbstgefertigten Version. Viele Baufirmen versuchen sich mit dieser Praxis möglichst einfach aus der Affäre zu ziehen, obgleich sich bezüglich der Verkehrsführung fast immer Alternativen finden ließen. Nur bedeuten diese eben einen größeren Aufwand. Und Kontrollen seitens der Bauaufsicht erfolgen in der Praxis leider fast nie.

Anschaulich zeigt der Leitfaden auch, wie der Radverkehr bei einer Ableitung auf die Autofahrbahn abgesichert werden kann und dass dabei die Bordsteinkanten mit Bitumenkeilen entsprechend abzuflachen sind. Anhand vieler Modellbeispiele wird eine mögliche Führung des Radverkehrs speziell bei Radfahrstreifen, bei getrennten wie auch bei kombinierten Rad- und Gehwegen aufgezeigt. Der Leitfaden berücksichtigt ebenso die Situation auf Gehwegen, die mittels Zusatzbeschilderung für Radfahrer freigegeben sind, Nichtzuletzt fordert er bei Vollsperrungen selbständig geführter Rad- und Gehwege - beispielsweise bei ehemaligen Bahntrassen - gut nachvollziehbare Umleitungsstrecken ein.

Mit der neuen Broschüre der AGFS liegt erstmals ein gut handhabbarer Leitfaden zur Baustellenabsicherung von Rad- und Gehwegen vor, welcher für alle Städte ein absolutes Muss ist -- vor allem für diejenigen, die sich eine ernsthafte Förderung des Radverkehrs auf ihre Fahnen geschrieben haben -- auch wenn sie nicht Mitglied in der AGFS sind. Generell sollte dafür Sorge getragen werden, dass auch sämtliche Versorgungsbetriebe (Wasser, Gas, Elektro, Kommunikation) die Broschüre erhalten, denn gerade
Titelblatt der Broschüre Baustellenabsicherung im Bereich von Geh- und Radwegen
diese Institutionen lassen besonders häufig in Geh- und Radwegen herumwühlen. Selbstverständlich müssen neben den jeweiligen Bauleitern auch alle Baufirmen den Leitfaden bekommen, wobei die Einhaltung der Vorgaben bei der Auftragsvergabe inklusive etwaiger Kontrollen in jedem Fall eine Rolle spielen muss.

Ob dann wirklich eines Tages das Schild "Radfahrer absteigen" verschwindet, sei einmal dahingestellt. Mit dem Leitfaden gibt es jetzt zumindest theoretisch eine Handhabe gegenüber Baufirmen und Behörden, wie es anders laufen kann. Letztendlich kommt es auch auf die Radler vor Ort an, ob sie sich die bisher vor allem von den Baufirmen ausgeübte und augenscheinlich von vielen Auftraggebern tolerierte Praxis länger gefallen lassen oder eben nicht.

Wer den Leitfaden, den übrigens auch die beiden Fahrradbeauftragten der Städte Mülheim und Oberhausen, Helmut Voß und Dieter Baum, inhaltlich mitgestaltet haben, bestellen möchte, kann dies tun über: P3 Agentur für Kommunikation und Mobilität (E-Mail: info@p3-agentur.de, Web: www.p3-agentur.de).

JB


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Herbst 2006.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de