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RAD im Pott Sommer 2004 Essen

Große Probleme ausgerechnet zum fünfjährigen Jubiläum

Radstation im Hauptbahnhof akut gefährdet

Fünf Jahre alt wird sie in diesem Jahr -- die Radstation im Essener Hauptbahnhof. Dort können Fahrräder gegen eine geringe Gebühr wettergeschützt (weil überdacht) und absolut diebstahlsicher (weil bewacht) abgestellt werden. Zudem stehen Leihräder zur Verfügung, derzeit sind es 20 Stück.

Im Rahmen des Landesprogramms "100 Fahrradstationen in NRW" öffnete die Station im September 1999 als 18. Einrichtung ihrer Art die Pforten. Betreiber ist die "Neue Arbeit der Diakonie". Untergebracht ist die Radstation in der ehemaligen Expressgutabteilung dicht neben dem Haupteingang. Immer noch gilt dieser Standort offiziell als Provisorium, denn nach wie vor droht der völliger Umbau des Hauptbahnhofs.

Der Start der Radstation lief erfolgversprechend an, seit Herbst 2001 jedoch stagniert die Zahl der eingestellten Räder. Ein Grund dürfte nach wie vor in der verbesserungswürdigen Anbindung des Hauptbahnhofs an das Essener Radroutennetz liegen (zu gefährliche Bahnhofsunterführung sowie fehlende West-Ost-Querung). Derzeit sind es etwa 100 Radler und Radlerinnen pro Tag, die Sommer wie Winter die Radstation frequentieren. Ein- und Auspendler halten sich in etwa die Waage, wobei es sich überwiegend um Dauerkunden handelt.

Achillesferse Betriebskonzept

Das grundsätzliche Betriebskonzept war bei allen Radstationen in NRW bislang weitgehend identisch. Das Personal rekrutierte sich überwiegend über ASS-Programme (Arbeit statt Sozialhilfe). Zielsetzung war die Schulung und Qualifizierung für ein weiteres Berufsleben. Die finanzielle Förderung erfolgte über die Sozialämter. Hintergrund dieses Modells ist der, dass Radstationen in der Größenordnung wie in Essen sich selbst nicht tragen können, sie sind daher auf Zuschüsse angewiesen.

Diese Art der Förderung scheint aber nun zur Achillesferse zu werden, solange die Radstationen nicht über weitere Finanzquellen verfügen.
Foto der Stadthaus-Baustelle am Bahnhof Altenessen mit abgestellten Fahrrädern
Das Bauschild steht schon jahrelang -- aber keine Radstation
Durch die umfangreichen Änderungen in der Sozialgesetzgebung (Hartz-Gesetze) laufen die ASS-Maßnahmen aus. Für die Essener Radstation hatte das bereits zur Folge, dass seit Ende 2003 ein Drittel weniger Leute für den Betrieb zur Verfügung stehen.

Und so zog man im März dieses Jahres die Notbremse. Die Werkstatt in der Radstation wurde aufgegeben, der Sonntag als ohnehin nur sehr schwach frequentierter Öffnungstag gestrichen. Dafür wurden die Öffnungszeiten samstags: von 10 bis auf 18 Uhr verlängert! Mit dieser Maßnahme möchte man sich vor allem neue Tageskunden erschließen, die in der Innenstadt in Ruhe einkaufen und dabei ihr Fahrrad sicher abgestellt wissen wollen.

Gerettet ist die Radstation damit aber noch nicht -- im Gegenteil. Mitte November laufen die letzten ASS-Maßnahmen aus, faktisch gesehen wäre dann tatsächlich Schluss! Zwar sei man prinzipiell bereit, den Betrieb weiterzuführen, so die Leitung der Radstation, allerdings müssten die Rahmenbedingungen den veränderten Gegebenheiten angepasst werden. Es gebe auch durchaus Betreibermodelle, die dafür in Betracht kämen.

Auch die Deutsche Bahn AG bereitet der Radstation zunehmend Probleme. Bislang hatte sie die ehemalige Expressgutabfertigung mietfrei zur Verfügung gestellt. Schließlich profitiert auch sie maßgeblich von dieser Einrichtung, schließlich sind es überwiegend Bahnkunden, die die Radstation benutzen. Um trotzdem irgendwie an Geld zu kommen, versucht die Bahn dies nun über die Nebenkosten. Und so hat man diese allein in den letzten zwei Jahren um 330% erhöht!

Bei einem Gespräch mit Oberbürgermeister Reiniger und Planungsdezernent Best im Februar anlässlich des Besuchs der Kontrollkommission der AGFS (siehe letzte RAD im Pott) hatten ADFC und EFI die Gelegenheit, auf die prekäre Situation der Radstation aufmerk­ sam zu machen. Oberbürgermeister Reiniger ließ immerhin verlauten, dass die Radstation in jedem Fall bestehen bleiben müsse. Bei der Mitte März durchgeführten Pressekonferenz über das Maßnahmenkonzept für den Radverkehr (siehe S.23) konnte Planungsdezernent Best allerdings noch keine Lösung präsentieren. Man sei aber bestrebt, eine solche zu finden.

Weitere Radstation geplant

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Stadt am Altenessener Bahnhof eine weitere Radstation errichten will. Bezüglich ihrer Pla­ nung ist die dortige Station sogar älter als die am Hauptbahnhof, war sie doch ursprünglich ein Projekt der "Internationalen Bauausstellung Emscherpark" (IBA). Letztere ist seit 1999 Geschichte, die Radstation dagegen immer noch in Planung. Es gibt sogar einen privaten Investor für das Gebäude, in das die Station einziehen soll. Nur schiebt dieser den Baubeginn seit Jahren immer weiter hinaus.

Dennoch beharrt die Stadt auf der Altenessener Radstation, schließlich gebe es entsprechende Verträge mit besagtem Investor. Zudem stünden 250.000 EUR Fördergelder aus Düsseldorf bereit. Nur -- wie lange haben Verträge Bestand, wenn der Investor den Baubeginn immer weiter verzögert? Wie will man eine zusätzliche Station betreiben, wenn selbst die Radstation am Hauptbahnhof in ihrem Bestand gefährdet ist? Wird es überhaupt eine ausreichende Zahl von Nutzern geben, seit durch den verkorksten Ausbau der Altenessener Straße -- gerade in diesem neuralgischen Bereich fehlen Radwege -- eine sichere Anbindung der Station nicht mehr herzustellen ist?

Nach Ansicht von ADFC und EFI muss die Stadt absolute Priorität in den Erhalt der Radstation am Hauptbahnhof setzen. Auf die geplante Radstation in Altenessen sollte notfalls verzichtet werden, man kann schließlich nicht ewig darauf warten, dass ein Baubeginn erfolgt -- falls dieser überhaupt jemals erfolgt!

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Sommer 2004.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de