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RAD im Pott Sommer 2004 Im Pott

# Oberhausen: Fahrradfreundlich # Essen: Keine Rostige Speiche # Duisburg: Im Abwärtstrend # Mülheim: Guter Mittelplatz

Die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklimatests

Positive Überraschung beim Fahrradklimatest des ADFC: Die Stadt Oberhausen steht in Sachen Fahrradfreundlichkeit als drittbeste Stadt Deutschlands da, war bei den Zensuren mit dem Sprung von der "Fünf plus" auf eine gatte "Drei" der Top-Aufsteiger. Nächste Überraschung -- allerdings in negativer Hinsicht -- ist der Absturz von Duisburg. Hatte man beim Fahrradklimatest 1991 noch einen achten Platz erreicht, ist man nun auf Platz 33 und damit auf die drittletzte Stelle abgerutscht -- ganz knapp vor der Stadt Essen.

Deren nach wie vor schlechte Bewertung überrascht keineswegs. Zwar ist man die "Rostige Speiche" losgeworden -- fahrradfeindlichste Stadt Deutschlands ist nunmehr Wuppertal -- allerdings ist man mit dem vorletzten Platz nur knapp an dieser wenig schmeichelhaften Prämierung vorbeigeschrammt. Positiv steht wiederum die den mittelgroßen Städten zugeordnete Stadt Mülheim da, die zensurmäßig von einer "Fünf" immerhin auf eine "Vier" klettern und damit einen achtbaren zehnten Platz ergattern konnte.

Sieger bei den Großstädten wurde wie vor zwölf Jahren -- wen wunderts -- die Stadt Münster, und das sogar mit einigem Abstand. Platz zwei Platz belegt Bremen, dicht gefolgt von Oberhausen. Bei den Mittelstädten haben Erlangen, Oldenburg und Hildesheim die ersten drei Plätze erlangt, bei den Kleinstädten stehen Bocholt, Brühl und Ettlingen an der Spitze. Von den genannten neun Städten liegen übrigens vier in Nordrhein-Westfalen, darunter auch die beiden ersten Plätze.

Der Fairness halber muss gesagt werden, dass die zweitbeste Stadt Bremen bereits nur noch eine "Drei" als Gesamtnote erhalten hat. Ab hier ist das Feld dicht besetzt, so dass es auch nicht weiter verwundert, dass mehr als die Hälfte der Städte eine "Vier" bzw. eine "Fünf" erhalten haben. Die Bewertungen der vier RAD im Pott-Städte im einzelnen:

Foto eines Ortseingangsschildes von Duisburg

Die Quittung für Nichtstun -- Duisburg im Abwärtstrend

Die schlechtere Bewertung Duisburgs gegenüber dem Fahrradklimatest von 1991 hat viele überrascht, denn sie verläuft gegen den Trend. Fast alle anderen Städte konnten sich verbessern oder haben zumindest ihre Note halten können. Eigentlich gilt Duisburg als Stadt mit einem relativ dichten Radwegenetz. Aber Quantität ist nicht gleichbedeutend mit Qualität. Das sahen Duisburgs Radlerinnen und Radler wohl genauso, denn sie haben ihre Stadt mit ihren Bewertungen auf den drittletzten Platz verwiesen.

Die "Fünf plus" als Gesamtnote ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Der Abstand zum Schlusslicht Wuppertal ist auch nur marginal. Dabei wird das allgemeine Fahrradklima noch nicht einmal als besonders schlecht angesehen, es bekam die Note "Drei". Auch scheint das Fahrrad in Duisburg immer noch als halbwegs vollwertiges Verkehrsmittel anerkannt zu sein - deshalb gab es auch hier eine "Drei".

Da sollte man meinen, dass die Stadt viel für ihre Radler unternimmt. Mitnichten -- bezüglich ihrer Aktivitäten für den Radverkehr haben Politik und Verwaltung eine "Fünf Minus" verpasst bekommen. Das ist zum einen die Quittung für jahrelanges Nichtstun, zum anderen für die generelle Missachtung radverkehrlicher Belange beim Bau bzw bei der Neugestaltung von Straßen. Ein Umstand, der allerdings nicht nur auf Duisburg zutrifft.

Diese Missachtung radverkehrlicher Belange schlägt sich natürlich auch in den anderen Zensuren nieder. Zwar werden die Erreichbarkeit der Innenstadt sowie die Möglichkeiten, generell zügig ohne Behinderungen radeln zu können, noch mit einer "Vier" bewertet, alle anderen Kategorien erhalten jedoch ein dickes "Mangelhaft". Das gilt für die Breite von Radwegen wie für die Durchgängigkeit von Radrouten, die Reinigung von Radwegen wird ebenso vermisst wie auf Radfahrer abgestimmte Ampelschaltungen bzw. ein Grünvorlauf für Radfahrer. Für die fehlenden Aufstellflächen an Ampeln gibt es sogar eine glatte "Sechs". Geöffnete Einbahnstraßen vermissen Duisburgs Radler ebenso wie eine Radweg-weisung - "Mangelhaft". Die gleiche Note gab es auch für die Anzahl und Qualität bei Fahrradabstellanlagen.

Besonders zu denken geben müsste Duisburgs Stadtoberen die schlechte Note in der Rubrik "Sicherheit beim Radfahren", diese wurde mit "Fünf plus" bewertet. Die gleiche Note gab es für die Tatsache, dass man Autos in der Stadt zu schnell fahren lässt. Besonders drastisch, nämlich mit der Note "Sechs", beurteilten Duisburgs Radfahrer die alltäglichen Konfrontationen mit Falschparkern auf Radwegen sowie die Ignoranz gegenüber dem Radverkehr bei der Einrichtung von Baustellen.

Fazit: Obgleich es in Duisburg viele Radfahrer gibt, spielen diese in der aktuellen Verkehrspolitik keine Rolle. So gesehen verwundert es auch nicht, dass Duisburgs Radler und Radlerinnen ihre Stadt schlechter bewertet haben als beim letzten ADFC-Fahrradklimatest.

Foto eines Ortseingangsschildes von Essen

Essen -- nur knapp an der "Rostigen Speiche" vorbei

Essen -- immerhin seit neun Jahren Mitglied in der "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte in NRW" (AGFS) -- hat nur wenige Wochen nach dem blamablen Ergebnis des Kontrollbesuchs der AGFS abermals die Quittung für die seit einigen Jahren betriebene fahrradunfreundliche Verkehrspolitik erhalten.

Bei dem vor zwölf Jahren durchgeführten ADFC-Fahrradklimatest bekam Essen die Gesamtnote "Fünf" und war damit bundesweites Schlusslicht. Die damals verliehene "Rostige Speiche" bewirkte tatsächlich, dass bei der städtischen Radverkehrspolitik ein Umdenken einsetzte. Ein in sich schlüssiges Radroutenkonzept wurde konzipiert und seit 1995 wenn auch zögerlich umgesetzt.

Mit dem 1999 erfolgten politischen Wechsel begann dann wieder der rad­ verkehrspolitische Stillstand. In einigen Fällen muss sogar von Rückschritt geredet werden, denn es wurden auch Radverkehrsanlagen wieder entfernt. So verwundert es nicht, dass Essens Radler ihre Stadt trotz erkennbarer Fortschritte nur mit der Gesamtnote "Fünf plus" be­ wertet haben. Diese nach wie vor miserable Benotung schlägt sich auch in den Einzelbewertungen nieder. So bekommen Politik wie Verwaltung bezüglich ihrer Aktivitäten für den Radverkehr ebenfalls nur eine "Fünf plus" verpasst.

Mit der gleichen Note wird die generelle Sicherheit beim Radfahren in Essen bewertet, ein mehr als bedenklicher Umstand! Wie in Duisburg werden die häufig zu schnell fahrenden Autos als Gefahr empfunden -- dafür gabs eine glatte "Fünf". Noch schlechter, nämlich mit einer "Fünf minus", schlagen sich die vielen auf Radwegen parkenden Autos in der Bewertung nieder. Das gleiche gilt für die Führung des Radverkehrs an Baustellen.

Nur marginal verbessert haben sich die Noten für Breite und Komfort der Radwege -- von einer glatten "Fünf" auf "Fünf plus". Wirklich spürbar besser empfinden Essens Radler lediglich die inzwischen durchgeführte Ausschilderung der Radrouten, hier stieg die Zensur von einer "Fünf minus" auf eine glatte "Vier". Das dies nicht noch besser bewertet wurde, liegt vor allem an immer noch fehlenden Wegweisungsschildern. Als "Mangelhaft" werden nach wie vor die Ampelschaltungen und der Reinigung von Radwegen bewertet, auch ist die Zahl der gegenläufig für den Radverkehr geöffneten Einbahnstraßen immer noch zu gering.

Folgt man all diesen Bewertungen, hat sich das Fahrradklima in Essen nicht wirklich gebessert. Im Gegenteil -- das Radfahren in dieser Stadt wird inzwischen sogar wieder stressiger empfunden als vor zwölf Jah­ ren. Das dies trotz mancherlei Verbesserungen so ist, mag auch an den umliegenden Städten liegen, die deutlich aufzeigen, was man mit einer effektiven Förderung des Radverkehrs wirklich erreichen kann.

Foto eines Ortseingangsschildes von Mülheim

Mülheim -- noch nicht gut, aber aufsteigende Tendenz

Mülheim gehört zu den Städten, in denen sich in den Augen der Radler Etliches zum Besseren gewendet hat. Beim Fahrradklimatest 1991 stand die Stadt nur unwesentlich besser da als beispielsweise Essen. Zwölf Jahre später hat man sich um eine ganze Note auf eine "Vier" verbessern können. Damit gehört man zwar noch lange nicht zur Spitzengruppe, der Weg zu einer fahrradfreundlicheren Stadt ist aber vorgezeichnet.

Das zeigt sich auch in der Bewertung des vorherrschenden Fahrradklima in der Stadt, welches von den Radlern mit einer "Drei" gleich um eine ganze Note besser bewertet wird. Noch besser, nämlich um gleich zwei Noten, wird die Erreichbarkeit der Innenstadt und die durchgängige Befahrbarkeit der Radrouten beurteilt. Das gilt auch für die Breite der Radwege und die Radverkehrswegweisung. Sie alle haben eine "Drei" erhalten. Honoriert wurde auch die Öffnung von Einbahnstraßen, hier verbesserte man sich von einer "Sechs" auf "Vier minus". Dass die Zen­ sur nicht besser wurde, zeigt den nach wie vor bestehenden Nachholbe­ darf.

Das gilt auch für die Zensuren bei den Ampelschaltungen, für die Aufstellflächen an Ampeln sowie beim Grünvorlauf für Radler. Sie wurden zwar allesamt besser bewertet als 1991, die Note "Mangelhaft" zeigt aber auch hier immer noch bestehende Defizite auf. Überhaupt nicht gebessert hat sich nach Ansicht von Mülheims Radlern die Reinigung von Radwegen -- sie wurde ebenfalls mit einer "Fünf" benotet.

Die Sicherheit beim Radfahren wird auch von Mülheims Radlern als nicht besonders positiv empfunden, wenn auch nicht so krass wie in Duisburg und Essen -- Note "Vier plus". Eine klare "Fünf" gab es allerdings für die Problematik der auf Radwegen parkenden Autos sowie für die schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen.

Trotz allem kann sich Mülheim im Vergleich zu Duisburg und Essen sehen lassen. Die Anstrengungen der Stadt seit der Aufnahme in die "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden" (AGFS) 1997 zeigen Wirkung. Was aber nicht heißen soll, dass man sich nun auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Eine "Vier" als Zensur bedeutet nach wie vor sehr viel Handlungsbedarf.

Foto eines Ortseingangsschildes von Oberhausen

Oberhausen -- Top-Aufsteiger im ADFC-Fahrradklimatest

Oberhausen hat den größten Sprung vollzogen. Das betrifft nicht nur die Steigerung vom 18. Platz beim ADFC-Klimatest 1991 auf den 3. Platz im Jahre 2003, sondern auch die von einer "Fünf plus" auf eine "Drei" gekletterte Gesamtnote. Und es zeigt auch, dass Radfahrer eine wirklich spürbare Förderung des Radverkehrs entsprechend honorieren. Sieht man sich die Benotung der anderen Ruhrgebietsstädte an, steht Oberhausen in der Tat gut da (Bottrop und Mülheim bekamen jeweils eine "Vier", Dortmund, Bochum und Herne jeweils eine "Vier minus", Duisburg und Essen wie erwähnt eine "Fünf plus").

Besonders positiv, nämlich mit einer "Zwei", bewerteten Oberhausens Radler, dass man in ihrer Stadt relativ zügig und ohne große Hindernisse radeln kann und dass sie dabei beim Radfahren mehr Spass als Stress empfinden. Noch besser beurteilten Oberhausens Radler die Erreichbarkeit ihrer Innenstadt, hier gabs eine "Zwei plus". Davon können sich andere Städte im Umkreis wahrlich eine Scheibe abschneiden. Ebenfalls positiv wurde auch die Ausstattung der Radrou­ ten mit einer Wegweisung bewertet, hierfür gabs eine "Zwei minus".

Mit einer "Drei" und damit ebenfalls besser als in den Nachbarstädten wurden die Aktivitäten von Politik und Verwaltung für den Radverkehr benotet. Mit der gleiche Zensur wurde auch die generelle

Sicherheit beim Radfahren bewertet. Wermutstropfen bilden, wie in den anderen Städten auch, die zu schnell fahrenden Autos -- hierfür gabs eine "Vier minus". Ihre größten Schwächen weist die Oberhausener Verkehrspolitiik bei der Handhabung falschparkender Autos auf Radwegen sowie bei der Radverkehrsführung an Baustellen auf, beide Punkte wurden als einzige mit "Mangelhaft" bewertet.

Eine "Drei plus" als Note bekamen die Radrouten bezüglich ihrer durchgängigen Befahrbarkeit und ihres Komforts. Mit der gleichen Note wurden die Möglichkeiten honoriert, in etlichen Einbahnstraßen in Gegenrichtung radeln sowie Fahrräder in Bussen und Bahnen mitnehmen zu können. Eine glatte "Drei" bekamen Oberhausens Radwege bezüglich ihrer Breite, die gleiche Zensur erhielten auch die Aufstellflächen an Ampeln. Nicht ganz so gelungen fanden Oberhausen Radler dagegen die Abstimmung von Ampelschaltungen auf den Radvrkehr, hierfür gabs eine "Vier".

Effektive Radverkehrsförderung zahlt sich aus

An Oberhausen müssen sich zukünftig alle Ruhrgebietsstädte messen. Was îst aber nun das Erfolgsgeheimnis?

1. Die Förderung des Radverkehrs ist in Oberhausen Konsens. Alle Parteien (außer der FDP, die spielt aber keine Rolle), die Verwaltung, Polizei, Krankenkassen, selbst die Müllabfuhr, usw.. Und natürlich der ADFC!

2. Wenn Baumaßnahmen im Straßenraum anstehen dann wird im Regelfall überlegt und geprüft, ob man dabei etwas für den Radverkehr tun kann. Und häufig genug kommt auch etwas dabei heraus, beispielsweise ein Radfahrstreifen, wenn anlässlich einer Neuasphaltierung einer Straße die Markierung ohnehin erneuert werden muss.

Natürlich gibt es auch in Oberhausen noch Defizite. Die "Drei" als Gesamtnote ist eben noch ein Stück entfernt von der "Zwei plus" in Münster. Wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass der Radverkehr in der Verkehrspolitik jahrelang keine Rolle gespielt hat, ist es schon bemerkenswert, wie eine Stadt in nur wenigen Jahren so viel erreichen konnte.

Ein besonderer Impuls war sicherlich die Aufnahme Oberhausens 2001 in die "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden" (AGFS). Ein Umstand, den man auch auf Mülheim beziehen kann. Nicht dagegen auf Essen, immerhin seit neun Jahren Mitglied in der AGFS. Es ist schon beschämend, wenn eine Stadt, die sich schon durch ihre Mit­ gliedschaft offiziell "fahrradfreundlich" betiteln darf, dieses mal nur ganz knapp an der "Rostigen Speiche" vorbeischrammt.

Bleibt zu hoffen, dass die jeweiligen Ergebnisse des ADFC-Fahrradklimatests von den Verantwortlichen nicht nur zur Kenntnis genommen werden, sondern dass auch endlich entsprechend gehandelt wird. Das gilt insbesondere für Duisburg und Essen. Die Devise für Oberhausen und Mülheim heißt dagegen: Nicht nachlassen bei der Förderung des Radverkehrs. Die Bürger werden es danken -- übrigens auch in Wahlergebnissen!

J.B.

Die Einzelergebnisse der vier RAD im Pott-Städte finden sich in der abgedruckten Tabelle. Alle weiteren Ergebnisse stehen als PDF-Datei im Internet unter www.adfc.de/Fahrradklimatest 2003. Die Reaktionen in den jeweiligen Städten, sofern es überhaupt welche gab, finden sich im Lokalteil der RAD im Pott.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Sommer 2004.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de