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RAD im Pott Herbst 2004 Oberhausen

Interview mit dem Fahrradbeauftragten Dieter Baum

Radverkehrsförderung mit knapper Kassen

Dieter Baum (51), Studium an der Fakultät Raumplanung der Universität Dortmund, seit 1986 im Fachbereich Stadtentwicklung und vorbereitende Bauleitplanung tätig, Arbeitsschwerpunkte Stadtentwicklung/Grundlagenplanung und Koordination der Radverkehrsplanung bzw. -förderung.

Norbert Marißen: Herr Baum, Sie arbeiten im Oberhausener Planungsdezernat. Welche Aufgaben haben Sie bezüglich Rad Fahren?

Dieter Baum: Für die Wahrnehmung meiner Aufgaben ist zunächst einmal die gesamtstädtische Betrachtung des Radverkehrs wichtig, dazu gehört der Ausbau der Infrastruktur, die Erhaltung der Verkehrsanlagen, die aktive Öffentlichkeitsarbeit, die Mitarbeit in der Arbeitsgemeinschaft der fahrradfreundlichen Städte und Gemeinden in NRW, kurz "AGFS", und
Foto von Dieter Baum
insbesondere die Zusammenarbeit mit dem lokalen ADFC. Wichtig ist, in diesem Rahmen einen Blick für alle sich bietenden Chancen im Rahmen der gesamten städtischen Entwicklung zu haben. Dies wird durch meine Mitarbeit in der Stadtentwicklungsplanung erheblich erleichtert.

: Die Stadt hat in dem vom ADFC durchgeführten Fahrradklimatest in der Städtegruppe ab 200.000 Einwohner überraschend den dritten Platz errungen. Was erleben die Radfahrer/innen in Oberhausen als besonders positiv?

db: Hier sind zwei Bereiche zu nennen:

1. Die vielen neuen Fuß- und Radwege abseits von Straßen. Dazu gehören das Wegesystem am Rhein-Herne-Kanal, die Verbindungen zwischen den Stadtteilen innerhalb der Neuen Mitte Oberhausen sowie lokale und regionale Verbindungen z.B. auf alten Bahntrassen. Diese Wege werden in erster Linie als Freizeitwege genutzt.

2. Das, was innerhalb der Stadtteile ausgebaut und markiert worden ist. Nach über 15 Jahren eines kontinuierlichen und schrittweisen Ausbaus, zeigt sich langsam ein immer kompletteres Radverkehrsnetz, auch wenn an einigen Straßen noch weitere Maßnahmen erforderlich sind.

: Vor gut 10 Jahren wurde die Stadt um zwei Schulnoten schlechter bewertet. Was sind die Ursachen für den Aufstieg unter die TOP 3?

db: Die vielfältigen Maßnahmen bedürfen alle einer entsprechenden Finanzierung und erst das Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmenträger haben ein Gesamtsystem entstehen lassen, das für viele Rad fahrende Menschen inzwischen deutliche Verbesserung erkennen läßt. Diese Veränderungen und das positive "Reden darüber", haben m.E. dieses erfreuliche Ergebnis im Fahrradklimatest 2003 hervorgebracht.

: Von einer wirklich fahrradfreundlichen Stadt wie Münster (Note 1,88) sind wir (Note 3,12) noch weit entfernt. Was sind heute die größten Mängel?

db: Es gibt in den Stadtteilen immer noch Netzlücken, d.h. z.B. Hauptverkehrsstraßen ohne oder nur mit mäßigen und z.T. auch schlechten Radverkehrsanlagen; daneben gibt es bei den Radfahrstreifen wie auch bei den Markierungen in Knotenpunkten einen kontinuierlichen Verschleiß, hier muss es gelingen, die notwendigen Erneuerungen kontinuierlich durchzuführen.

: Welche Abhilfen plant die Stadt?

db: Alles, was Oberhausen in den letzten 15 Jahren getan hat, geschah immer vor dem Hintergrund knapper Kassen und einer engen Personaldecke. Deshalb ist es wichtig, alle Aktivitäten im Rahmen der Verkehrs- und Stadtentwicklungsplanung immer wieder darauf zu prüfen, ob nicht auch Verbesserungen für den Radverkehr erreicht werden können.

Es wird auch künftig so sein, dass die Radverkehrsförderung in weiten Teilen unter den o.a. Rahmenbedingungen erfolgen muss, trotzdem wird es, da bin ich sicher -- schrittweise und kontinuierlich -- weitere Verbesserungen insbesondere in den Stadtteilen geben.

: Können andere, z.B. der ADFC, auch einen Beitrag leisten?

db: Wichtig ist jeder Beitrag zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur, aber auch des Fahrradklimas. Die Beteiligten haben dabei unterschiedliche Möglichkeiten bzw. Aufgaben. Die einen können eigenständig Radwege bauen (z.B. Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) und Emschergenossenschaft), andere Wegweisungs- und Routensysteme entwickeln, Karten erarbeiten und herausgeben etc..

Der ADFC hat in meinen Augen eine besondere Bedeutung: Er ist in Oberhausen ein Partner bei den vielfältigen Aktivitäten zur Förderung des Radverkehrs; ADFC-Mitglieder sind in der Regel aktive Radfah­ rerinnen und Radfahrer, die mit ihren vielfältigen Erfahrungen und Er­ kenntnissen bereits in der Vergangenheit zahlreiche Maßnahmen und Pla­ nungen beeinflusst haben.

: Eine gute Bewertung allein genügt nicht; Ziel muss sein, die Men­ schen zum Rad fahren zu bringen. Weiss man, wie viele Menschen heute in Oberhausen mit dem Rad fahren?

db: Ja, wir haben im Jahr 2002 wie schon 1995 ein Büro beauftragt, die Zahl der täglichen Wege, die von der Bevölkerungen u.a. mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, zu ermitteln und dabei festgestellt, dass der Radverkehrsanteil im Binnenverkehr um 3 Prozentpunkte zugenommen hat. Da auch der öffentlichen Personennahverkehr zugelegt hat, haben die wichtigsten Verkehrsarten im so genannten Umweltverbund in Oberhausen deutlich gewonnen. In vielen anderen bundesdeutschen Städten war der Trend aber genau umgekehrt. Die Zahl der täglichen Wege, die Oberhausener mit dem Fahrrad zurücklegen, lag 2003 bei über 47.000.

: Haben Rat und Verwaltung konkrete Ziele bei der Erhöhung des Fahrradanteils am Gesamtverkehr?

db: Das Ziel, den Anteil des Umweltverbundes weiter zu erhöhen, bleibt natürlich bestehen und stellt eine wichtige Aufgabe in der kommunalen Verkehrs- und Umweltpolitik dar. Derartige Veränderungen hängen aber auch von einer Vielzahl von Rahmenbedingungen ab; so zum Beispiel von der Struktur und Qualität des Radverkehrsnetzes, vom Angebot des ÖPNV, aber auch vom verfügbaren Einkommen der BürgerInnen und nicht zuletzt auchvon der Entwicklung und Höhe der Kfz-Kosten (Anschaffung/ Betrieb) in einer Stadt/Region.

Insoweit kann man hier keine exakten prozentualen Zielwerte angeben, wir werden aber versuchen, die bisherigen positiven Entwicklungstendenzen insbesondere unter Umweltgesichtspunkten fortzusetzen.

: Im Masterplan Emscher Landschaftspark werden 271 Projekte genannt, die bis 2020 verwirklicht sein sollten. Einige davon berühren auch das Rad fahren in Oberhausen. Welche Bedeutung hat dieser Masterplan für Politik und Verwaltung?

db: Der Masterplan stellt eine Fortsetzung der Aktivitäten der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) dar, die von 1989 bis 1999 u.a. versucht hat, die Wegeinfrastruktur auszubauen und zu verbessern. Die radverkehrsbezogenen Elemente dieses neuen Masterplanes fußen zum Teil auf alten IBA-Überlegungen, zum Teil sind aber auch neue Ideen entstanden. Es wird sich zeigen müssen, welche dieser Maßnahmen, von wem und wann finanziert werden können. Dies wird die Aufgabe der Projekt Ruhr GmbH bzw. des KVR (Anm.: ab Oktober "RVR") und auch der Stadt Oberhausen sein. Der Masterplan stellt m.E. eine ehrgeizige, aber realisierbare Vision dar, der in den nächsten Jahren einen Handlungsrahmen für die Weiterentwicklung dieses Raumes darstellt.

: Bei einigen Projekten sollen in bewährter Weise Bahntrassen in Radwege umgestaltet werden. Hiervon profitieren vor allem die Freizeitradler. Wann können sie wo mit Fertigstellungen rechnen?

db: Die nächste Maßnahme, die fertiggestellt wird, ist die "HOAG-Bahn", eine Verbindung, die aus dem Bereich Buschhausen/Sterkrade nach Norden in Richtung Barmingholten/Holten verläuft und im Weiteren eine Fortsetzung über Duisburger Stadtgebiet bis fast an den Rhein in Duisburg-Walsum haben wird. Diese über 10 km lange Gesamttrasse wird abschnittsweise fertig gestellt und freigegeben. Die Gesamtfertigstellung wird bis Ende 2005/Anfang 2006 erfolgen.

Eine weitere Planungsabsicht besteht bzgl. der ehemaligen Bahnstrecke von Mülheim-Styrum nach Duisburg-Meiderich, die unter anderem durch Alstaden verläuft. Der KVR ist derzeit bemüht, den Trassenerwerb und die Planungen vorzubereiten. Ein entsprechender Förderantrag kann möglicherweise schon 2005 gestellt werden. Insgesamt handelt es bei diesem Projekt um eine mittelfristige Planung.

Eine weitere Chance bietet die sogenannte "Rheinische Bahnstrecke", die vom OLGA-Gelände aus, nördlich am Revierpark Vonderort vorbei, in Richtung Bottrop/Gladbeck verläuft. Erste Kontakte zwischen den beteiligten Städten und dem KVR haben schon stattgefunden; da dort aber noch Güterzüge fahren, wird eine Realisierung erst längerfristig möglich sein.

: Vielen Dank für das ausführliche und informative Gespräch, Herr Baum.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Herbst 2004.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de