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RAD im Pott Frühjahr 2004 Essen

Fahrradfreundliche Planungen -- Fehlanzeige

Nach Aussage von Oberbürgermeister Reiniger und Planungsdezernent Best will man in Essen die Auszeichnung "fahrradfreundlich" behalten. Warum, fragen sich ADFC und EFI, werden dann immer noch Entscheidungen gefällt, die sich eindeutig gegen den Radverkehr richten?

Kreuzung Wuppertaler Straße / Marie-Juchacz-Straße

Der Radwegübergang an der Kreuzung Wuppertaler Straße / Marie-Juchacz-Straße in Rellinghausen soll mit einer Diagonalsperre versehen werden. Grund hierfür sind die z.T. schweren Unfälle zwischen Radlern und Autofahrern. Letztere biegen oft mit hoher Geschwindigkeit von Überruhr her kommend über die freigeführte Rechtsabbiegespur in Richtung Ruhrallee ab. Vor allem die von rechts kommenden Radler werden dabei von den Autofahrern häufig übersehen, da letztere sich fast ausschließlich nur nach links orientieren. Dass einige Radler allzu sorglos diesen Bereich queren, spielt dabei natürlich auch eine Rolle.

Bereits vor zwei Jahren hatten ADFC und EFI auf diese Problematik hingewiesen, verbunden mit der Hoffnung, dass hier eine für beide Seiten -- Radfahrer wie Autofahrer -- sichere und akzeptable Lösung gefunden werde. Dass die Verwaltung dies allerdings ausschließlich aus Autofahrerperspektive betrachten würde, war nicht erwartet worden.
Foto des freien Rechtsabbiegers an der Kreuzung
Lebensgefährlich für Radfahrer und Fußgänger: frei geführte Rechtsabbiegerspuren
"Die Leistungsfähigkeit der Kreuzung für den Autoverkehr darf nicht berührt werden", verlautete es aus dem Rathaus. Soll heißen, die Unfallzahlen sollen ohne Einschränkungen für die Autofahrer gesenkt werden. Da müssen wieder mal die Radfahrer zurückstecken.

Die bislang getroffenen Maßnahmen waren dann auch eher kosmetischer Natur: Umwidmung der Gehwegfläche mit dem Zusatz "Radfahrer frei", Entfernung des rot eingefärbten Radwegeübergang zugunsten eines Zebrastreifens, ein paar Hinweisschilder für die Autofahrer. Besagter rot eingefärbter Radwegeübergang war übrigens erst 1997 zur Erhöhung der Sicherheit aufgebracht worden.

Beinahe schon erwartungsgemäß ist die Zahl der Unfälle also nicht gesunken. Aber anstatt nun ernsthafte Maßnahmen zur Senkung der hohen Geschwindigkeiten des Autoverkehrs zu ergreifen, will man lieber weiter den Radverkehr einschränken. Dabei gäbe es mehrere Möglichkeiten die freigeführte Rechtsabbiegespur zu entschärfen, angefangen von Bodenschwellen über die Verringerung des Kurvenradius bis hin zur Installierung einer Ampel.

Die Frage, wie hier zukünftig das hohe Radverkehrsaufkommen angesichts der geplanten Barriere bewältigt werden soll, konnte man seitens der Verwaltung nicht beantworten. Immerhin handelt es sich hier um die Hauptroute durch das Ruhrtal, eine der meistbefahrenen Radwege im Stadtgebiet, hinzu kommen die radtouristisch bedeutende Kaiser-Route sowie der Rundkurs Ruhrgebiet, welche ebenfalls hier entlang führen. Das alles scheint im Rathaus aber nicht weiter zu interessieren -- was zählt ist der uneingeschränkt rollende Autoverkehr.

Gelsenkirchener Straße / Erschließungsstraße Zollverein

Im Zuge der umfangreichen Sanierungsarbeiten auf dem Zollvereinareal soll im nördlichen Stoppenberg eine neue Zufahrtstraße auf das ehemalige Zechengelände gebaut werden. Diese soll an die Gelsenkirchener Straße in Höhe der S-Kurve angeschlossen werden. Zudem soll soll sie auch einen Radweg erhalten, der ein Stück entlang der Gelsenkirchener Straße im Bereich der S-Kurve fortgesetzt wird. Dies ist aus Radlersicht besonders begrüßenswert, denn derzeit liegen hier die Straßenbahnschienen direkt am Straßenrand.

Warum jedoch lassen die Planer den Radweg in Richtung Stoppenberg mit­ ten im Kurvenausgang im Nichts enden -- noch dazu ohne Einfädelungshil­ fe in den fließenden Verkehr? Es würde reichen, den Radweg knapp hundert Meter weiter bis zur Straße "Im Natt" zu führen, welche eine ideale Verbindung zur Hauptroute an der Hallostraße darstellt. Über
Foto der Straßenbahn in der S-Kurve
Gelsenkirchener Straße: die S-Kurve soll für alle Verkehrsteilnehmer entschärft werden
diese Radroute könnten Radfahrer gut und sicher durch das Stoppenberger Zentrum in Richtung Innenstadt sowie über den Hallopark nach Frillendorf, Kray und Steele gelangen. Und weshalb lässt man den Radweg in Gegenrichtung nicht ebenfalls an der Straße "Im Natt" beginnen, denn bereits in diesem Bereich liegen die Straßenbahnschienen dicht am Straßenrand?

Diese und andere Fragen hatten ADFC und EFI bereits Anfang 2003 bei einer ersten Präsentation der Planung gestellt. Es wurde eine "Prüfung" zugesagt. Im Dezember nun wurden die Pläne den politischen Gremien vorgestellt -- ohne Änderungen! CDU und SPD haben diese ebenfalls unverändert abgesegnet, obgleich die Grünen nochmals auf diese gravierenden Schwachstellen hingewiesen hatten. "Zu teuer", wurde entgegnet. Insgesamt soll der Umbau der Gelsenkirchener Straße etwa 4 Mio Euro kosten. Am teuersten dürften dabei die Verbreiterung des Straßenprofils um immerhin 13 Meter, die Verlegung der Straßenbahnschienen sowie die neue Straßenbahnhaltestelle sein. Da kann eine Verlängerung des Radwegs bis zur Straße "Im Natt" doch eigentlich nicht mehr allzusehr ins Gewicht fallen.

Nach letztem Stand der Dinge "prüft" die Stadt derzeit den Gehweg zwischen dem geplanten Ausbauende und besagter Straße "Im Natt" für Radfahrer freizugeben. Ob und unter welchen Umständen dies tatsächlich geschieht, war bislang nicht in Erfahrung zu bringen.

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2004.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de