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RAD im Pott Frühjahr 2004 Im Pott

Jakobs Welt

Manchmal schäme ich mich für meinen Vater. Er benimmt sich so komisch, so freakmäßig, ich habe das Gefühl, er passt nicht mehr in die Zeit. Ihn scheint das nicht zu stören. "Ich bin individualistisch", sagt er. Oder: "Ich lasse mich nicht gleichschalten."

Kommt er mich besuchen, fährt er mit dem Rad, auch wenn er weiß, dass mir das peinlich ist. Fahrräder sind Geräte, die man zur Fortbewegung nutzt und die mit Muskelbewegung betrieben werden -- so eine Art Bergwerk auf Rädern. Radfahrer tragen alberne Helme und bilden sich viel darauf ein, dass sie ein "ursprüngliches" Lebensgefühl" vermitteln, wie mein Vater gerne sagt.

Ich finde, sie sind die uncoolsten Leute überhaupt. Sie sind unendlich langsam und haben noch immer diese speziellen Wege, obwohl es in Berlin vielleicht noch fünftausend Radfahrer gibt. Sie sind eine aussterbende Gattung, sozusagen Flugsaurier, aber nichts bereitet ihnen mehr Freude als Leute anzuzeigen, die auf den alten, zugewachsenen Radwegen ihre Autos abstellen. Ich habe meinen Kumpels nie erzählt, dass mein Vater Rad fährt. "Oh, ein Helm-Zombie", hätten sie gesagt.

Mein Vater erzählt, dass sie damals sogar Touren gemacht haben, er zeigt mir Fotos von behelmten Menschen in bunten, eng anliegenden Hosen. Dann macht er oft den Vorschlag: "Eine Fahrradtour, Jakob! Nur wir beide." Er sieht begeistert aus und es tut mir fast leid, ihn zu enttäuschen, aber es gibt einfach Genzen. "Hey Dad, vergiss es."

Jakob ist 18 Jahre alt, lebt im Jahr 2020 und schreibt über seinen Alltag.

Dieser Text erschien am 10.11.2003 unter der Rubrik "Agenda 2020 -- Das Berlin der Zukunft" in der "Berliner Zeitung".


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2004.
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