zurück zur Jahresübersicht Fahrradmitnahme im Urlaubsexpress >>


RAD im Pott Frühjahr 2004 Im Pott

Visionen, Ziele und Projekte

Fahrradfreundliche Region Ruhrgebiet

Fahrradtourismus im Ruhrgebiet

Der Trend zum Fahrradurlaub ist ungebrochen und hat sich als Freizeit-, Tourismus- und Wirtschaftsfaktor deutschland- und europaweit etablieren können. An Flüssen entlang fahren, umgeben von ursprünglicher Natur und den Blick durch erlebnisreiche Landschaften
Die moderne Brücke, über die der Zollvereinweg führt
Der Zollvereinweg in Essen
streifen lassen ist das Ziel. Gleichzeitig am Wegesrand die eine oder andere Sehenswürdigkeit besuchen, Schlösser und Herrenhäuser, Burgen und Klöster, mittelalterliche Städte und ungewöhnliche Museen erkunden -- so sieht Radwandern in klassischen Radreiseregionen aus.

Das Ruhrgebiet präsentiert sich beim Thema Fahrradtourismus von einer für viele Radreisende oftmals unbekannten Seite und hebt sich dadurch stärker von den sogenannten Klassikern ab. Die touristische Profilierung des Ruhrgebiets durch die "Route der Industriekultur" und den "Emscher Landschaftspark" hat die Freizeitfunktion der vorhandenen radtouristischen Routen des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (KVR) erweitert: "Emscher Park Radweg" und "Rundkurs Ruhrgebiet" mit dem integrierten Ruhrtalradweg werden zunehmend von Radreisenden frequentiert, um die typische industrielle Kulturlandschaft des Ruhrgebiets in all ihren Facetten zu entdecken.

Während das Fahrrad in den 20er und 30er Jahren noch das Alltagsverkehrsmittel im Ruhrgebiet war, verlor es in der "autoge­ rechten Stadt" mehr und mehr an Bedeutung. Noch heute kann man die Folgen dieser Entwicklung überall "erfahren" und sehen -- die Zahl der Radler und Radlerinnen, die ihr Fahrrad täglich einsetzen, ist immer noch sehr gering.

Erst Mitte der 90er Jahre deutete sich vor allem im Freizeitsektor ein neuer Fahrradboom an. Mit neuen Fahrradtypen und Zubehör wurde das Fahrradfahren "attraktiv" gemacht und wiederentdeckt. Und auch in vielen Städten gelang ein Umdenken. Mit dem Landesprogramm "Fahr­ radfreundliche Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen" setzte auch die Landesregierung NRW neue Akzente.

Der KVR -- Dienstleister für die Fahrradregion Ruhrgebiet

Das Thema Radverkehr ist ein traditionelles Aufgabenfeld des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (KVR). Das Angebot an fahrradbezogenen Dienstleistungen für das Ruhrgebiet ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Dazu gehören die Herstellung und Herausgebe von Radwanderkarten, Entwicklung von Radverkehrskonzepten und die Planung und Realisierung von lokalen und regionalen Radwanderstrecken. Die ersten Radwanderkarten wurden 1983 für die Kreise Wesel, Unna und Recklinghausen entwikkelt. Mitte der 80er Jahre entstand dann der "Rundkurs Ruhrgebiet". Dieser 350 Kilometer lange Rundkurs hat der Freizeitsektor Fahrradfahren im Ruhrgebiet bereits deutlich attraktiver gemacht.

Mit der Planung und Realisierung des "Emscher Park Radweges" setzte der KVR Mitte der 90er Jahre neue Qualitätsmaßstäbe im Radwegebau im Ruhrgebiet und selbst darüber hinaus. Ehemalige Eisenbahntrassen wurden zu komfortablen 3,50 m breiten Radwegen ausgebaut und miteinander vernetzt. Viele Radwege-Highlights, wie zum Beispiel die
Logo des "rundkurs ruhrgebiet"
"Erzbahntrasse" von der Bochumer Jahrhunderthalle bis zum Rhein-Herne-Kanal, die "Gruga-Bahn" von der Ruhr in Rellinghausen bis nach Mülheim oder die "HOAG-Bahn" stehen noch vor der Fertigstellung.

Vor dem Hintergrund fehlender kommunaler Mittel für Pflege und Unterhaltung vieler Radwege übernimmt der KVR auch hier zukünftig mehr regionale Verantwortung. Mit der Übernahme der Trägerschaft für den "Emscher Park Radweg" sind erste Zeichen gesetzt worden. Der Kommunalverband Ruhrgebiet wird die fahrradtouristische Infrastruktur im Ruhrgebiet und speziell die des Radtouristischen Netzes in den kommenden Jahren kontinuierlich ausbauen.

2010 -- Ziele und Projekte

Route der Industriekultur per Rad

Das ca. 700 km lange Radtouristische Netz der "Route der Industriekultur per Rad" verbindet die beiden vorhandenen radtouris­ tischen Routen des Ruhrgebiets, den "Emscher Park Radweg" und den "Rundkurs Ruhrgebiet" -- ergänzt um einige ausgewählte R-Wege -- zu einem regionalen Wegesystem, das die wichtigsten industriellen Standorte des größten Ballungsraums Europas verbindet. Highlights der Industriekultur wie beispielsweise das Weltkulturerbe Zollverein in Essen, der ungewöhnlichste Aussichtspunkt der Region, der Tetraeder in Bottrop oder der Landschaftspark Duisburg-Nord sind nur einige Attraktionen, welche direkt am Weg liegen.

Im Rahmen der landesweiten Radwegebeschilderung (Radverkehrsnetz NRW) wird der KVR das komplette Radtouristische Netz teilweise neu definieren und bis Ende 2005 mit neuen Logos ausschildern.

Emscher Park Radweg

Die Wegeinfrastruktur des "Emscher Park Radweges" (EPR) wird durch "KVR Ruhr Grün" weiter ausgebaut. Der EPR ist die Haupterschließung des Radtouristischen Netzes "Route der Industriekultur per Rad". Mit der Übernahme der Trägerschaft für den EPR durch "KVR Ruhr Grün" wird ein wichtiger Baustein zur Pflege der Infrastruktur des "Emscher Landschaftsparks" umgesetzt. Die Trägerschaft umfasst neben der Pflege
Logo des Emscher Park Radwegs
und Unterhaltung bestimmter Wegeabschnitte auch das zentrale Routen- und Qualitätsmanagement für den ganzen EPR mit regelmäßigen Streckenkontrollen. Hierzu hat "KVR Ruhr Grün" ein Patenschaftskonzept entwickelt, dass eine regelmäßige Befahrung des EPR durch Radwegepaten vorsieht.

In einer lokal und regional angelegten Presseaktion wurden im Februar 2003 Interessierte aufgerufen, sich um solche Patenschaften zu bewerben. Die Resonanz in der Öffentlichkeit war überwältigend. Mehr als 250 Bürgerinnen und Bürger sind dem Aufruf gefolgt und haben sich beworben. Aus der Vielzahl der Bewerbungen wurden die zukünftigen Rad­ wegepatenschaften per Losvefahren ermittelt. Zwei Schulen, die sich durch aktive Fahrrad-Arbeitsgemeinschaften auszeichnen, wurden außer Konkurrenz einbezogen.

Die eingeführte Wegekontrolle über die Radwegepaten hat sich bewährt, erste positive Auswirkungen sind bereits festzustellen. Sie haben ca. 1800 km auf dem EPR zurückgelegt und sehr gewissenhaft Mängel und Unstimmigkeiten notiert. Die Behebung der Mängel erfolgte je nach Zuständigkeit noch durch die Kommunen oder durch "KVR Ruhr Grün".

Die Präsens der Radwegepaten hat auf alle Beteiligten des EPR einen gewissen "positiven" Druck ausgelöst und den EPR wieder ein wenig mehr in den Blickwinkel gerückt. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit den Radwegepaten werden sie ihre Tätigkeit im April 2004 wieder aufnehmen. Es ist geplant, das Patenschaftskonzept auf das ganze radtouristische Konzept auszuweiten.

"revier rad"

"revier rad" ist ein Projekt des KVR und der Paritätischen Initiative für Arbeit e.V. (PIA) in Mülheim zur service-orientierten Radvermietung. Als Infrastruktur für den "Emscher Landschaftspark" und für die "Route der Industriekultur per Rad" hat sie sich zu einem Markenzeichen der Region entwickelt. Über 6000 Vermietungsvorgänge im Jahr 2003 zeigen deutlich, dass für ein hochwertiges Mietradsystem ein Markt vorhanden ist. "revier rad" startet mit 240 Rädern und einer weiteren neuen Station (Maritim Hotel in Gelsenkirchen) in die
Logo des Emscher Park Radwegs, ein schematisiertes Fahrrad mit dem Text revier rad route Industriekultur
Radsaison 2004. Mittlerweile kann das leuchtend-orange Mietrad an 12 Stationen ausgeliehen werden. Das "revier rad"-Angebot umfasst Ser­ viceleistungen rund um das Fahrradfahren sowie Fahrradverleih von der Information bis zur Buchung, vom Gepäcktransport bis zur Pannenhilfe. Im Verleih sind neben City- und Trekkingrädern auch Kinderräder sowie Trailerbikes, fünf Tandems und drei Liegeräder.

Das "revier rad" soll als Markenzeichen der Fahrradregion Ruhrgebiet weiterentwickelt werden -- "revier rad" als die zentrale Informationsstelle für den Radtourismus im Ruhrgebiet. Ein Ausbau bis zum kompletten Tourenservice (Tourenangebote, Übernachtung, Gepäck­ transport, Pannenservice für Radler) ist in Arbeit. Erste positive Auswirkungen sind bereits erkennbar.

Aktuelle Radwegeprojekte

Die Erzbahntrasse

Im April 2003 wird der südliche Teilabschnitt der Erzbahntrasse von der Bochumer Jahrhunderthalle bis zum Kabeisemannsweg offiziell eröffnet werden. Der ca. 2,5 km lange Abschnitt umfasst zwei Neubaubrücken sowie die Sanierung von zwei weiteren Brückenbauwerken. Eine Brücke wird noch saniert, steht aber für die Radwegebenutzung bereits zur Verfügung. Insbesondere die Brücke über die Gahlensche Straße, die vom Architekturbüro Prof. Schaich aus Stuttgart geplant wurde, findet große Zustimmung in der Bevölkerung und auch Beachtung in Fachkreisen. Bis Ende 2004 wird der Übergang von der Erzbahntrasse auf die Kray-Wanner-Bahn realisiert und damit eine kreuzungsfreie Fahrt von der Jahrhunderthalle bis zum Weltkulturerbe Zollverein ermöglicht! Bis Ende 2006 ist die Fertigstellung der Erzbahntrasse bis zur Wilhelmstraße in Gelsenkirchen geplant -- der Grimberghafen bzw. der Rhein-Herne-Kanal werden frühestens 2008 erreichbar sein.

Die Grugabahn

Von Essen-Rüttenscheid bis nach Mülheim-Heißen zieht sich das Band der ehemaligen Bahntrasse über mehr als 4 Kilometer. Es handelt sich um die Verlängerung der 1998 von der Stadt Essen fertiggestellten Radroute vom Ruhrtal bis zur Grugahalle. Im Jahr 2003 wurde nach Abschluss der Planungsphase mit dem Freischnitt der Trasse und dem vorbereitenden Wegebau begonnen. Der Abschluss der ersten Brückensanierungsarbeiten steht unmittelbar bevor. Für das Jahr 2004 ist die Fertigstellung der Gesamtmaßnahme geplant.

Die HOAG-Bahn

Die HOAG-Bahn verläuft über fast 10 Kilometer von Oberhausen-Sterkrade bis nach Duisburg-Fahrn und wird langfristig eine Verbindung zwischen dem Grünen Pfad und dem Rundkurs Ruhrgebiet herstellen. Die Planungsphase wurde im wesentlichen im Jahr 2003 abgeschlossen. Mit der Fertigstellung der Radtrasse ist voraussichtlich Ende 2005 zu rechnen.
Foto einer Brücke auf der HOAG-Bahntrasse
Die HOAG-Bahn zwischen Oberhausen und Duisburg

Der Ruhrtalweg

Der Ruhrtal-Radweg "Quelle-Mündung" ist ein Gemeinschaftsprojekt der Ruhr-Tourismus GmbH (RTG), des Hochsauerlandkreises und des KVR. Ziel ist die Vermarktung ab 2005 als überregionale radtouristische Route und die entsprechende Verbesserung der Infrastruktur.

Eine vom KVR erstellte Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass die Wegeinfrastruktur in hoher Qualität weitgehend vorhanden ist und die touristischen Potentiale sehr gut sind. Allerdings müssen an bestimmten Teilabschnitten und Problempunkten in den kommenden Jahren infrastrukturelle Verbesserungen umgesetzt werden, um eine durchgängige und qualitätsvolle Befahrung für ein breites Zielgruppenspektrum zu ermöglichen. Da der Ruhrtalweg weitgehend identisch mit weiten Teilen des "Rundkurses Ruhrgebiet" verläuft, sind hier zusätzliche Impulse für das Radtouristische Netz möglich. Zugleich wird das Ruhrgebiet mit der Tourismusregion Hochsauerland vernetzt.

Radverkehrsnetz NRW

Mit dem "Radverkehrsnetz NRW" realisiert das Land Nordrhein-Westfalen erstmalig ein landesweites und flächendeckendes Radverkehrsnetz für den Alltags- und Freizeitverkehr verbunden mit einem einheitlichen Wegweisungssystem. Die Umsetzung der landesweiten Ausschilderung im Ruhrgebiet erfolgt schrittweise seit 2002. Einige Städte und Gemeinden in der Region verfügen bereits über die zukunftsweisende Radwegebe­ schilderung.

Das radtouristische Netz "Route der Industriekultur per Rad" wird vom Kommunalverband Ruhrgebiet in den nächsten zwei Jahren mit neuen Wegweisern und Logos komplett neu beschildert. Zur Zeit wird das Beschilderungskonzept ausgearbeitet und mit den kommunalen Konzepten abgestimmt. In der Übergangszeit kann es durchaus dazu kommen, dass bisherige Schilderpfosten und Wegweiser im Radtouristischen Netz durch
Foto der Leihräder der Zeche Zollverein mit Aufdruck: route Industriekultur
die Neuausschilderung vorübergehend ersatzlos entfernt werden. Der KVR wird versuchen, diese Übergangsprobleme so gering wie möglich zu halten. Es wird empfohlen, verstärkt auf die Linienführungen in den Radwegekarten und nicht nur auf die Ausschilderung vor Ort zu achten.

Durch die Neuausschilderung wird eine einheitliche und leicht verständliche Wegweisung für die radtouristischen Ziele der "Routen Industriekultur" und "Industrienatur" im Radtouristischen Netz geschaffen, die dazu beiträgt, den bisherigen Schilderwald zu lichten und den Radtourismus im Ruhrgebiet zu stärken.

Harald Spiering

Die Redaktion bedankt sich ganz herzlich bei dem Autor Harald Spiering für diesen Artikel. Spiering ist Stadtplaner beim Kommunalverband Ruhrgebiet/Ruhr Grün.


zurück zur Jahresübersicht Fahrradmitnahme im Urlaubsexpress >>


Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2004.
Für Nachfragen, Kommentare: RadImPott@freenet.de