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RAD im Pott Winter 2003 Essen

Viele negative Auswirkungen durch geplantes Einkaufszentrum

Kreisverkehr am Verkehrsknoten Berliner Platz

Sehr kontrovers wurde in den vergangenen Wochen innerhalb der Radfahrverbände ADFC und EFI die Führung des Radverkehrs auf dem Berliner Platz sowie der angrenzenden Friedrich-Ebert-Straße diskutiert. Anlass waren Planungen der Stadtverwaltung, den in der nördlichen Innenstadt liegenden Verkehrsknoten Berliner Platz in einen gigantischen Kreisverkehr umzuwandeln. Eng verbunden ist diese Planung mit dem mehr als umstrittenen Einkaufszentrum, das unter dem Namen "Essen-Arcaden" am Berliner Platz errichtet werden soll.

Noch ein Einkaufszentrum

Vor vier Jahren hatte die Stadt Essen speziell für den Berliner Platz eine neue Form der Bürgerbeteiligung ins Leben gerufen, die sogenannte "Perspektivenwerkstatt". Über 1.000 Bürgerinnen und Bürger hatten damals ihre Vorstellungen eingebracht (siehe auch RiP 2/99), einhelliger Tenor war die Ablehnung von Großprojekten jeglicher Art, statt dessen sollte kleinteiliger Bebauung in Verbindung mit großen Grünflächen der Vorzug gegeben werden. Vor allem sollten dort auch wieder Menschen leben können, sprich also Wohnbebauung mit eingeplant werden.

Davon ist heute keine Rede mehr. Statt dessen soll wieder geklotzt werden -- vehement unterstützt von der Stadt Essen. Dabei hat ausgerechnet ein von ihr selbst in Auftrag gegebenes und Mitte November vorab veröffentlichtes Gutachten ergeben, dass ein solches Einkaufszentrum nachhaltig negative Auswirkungen auf die traditionellen Einkaufslagen in der Essener Innenstadt haben werde. Besonders der ohnehin bereits ins Hintertreffen geratenen Einzelhandel in den Nebenlagen der City hätte dann kaum noch eine Überlebenschance.

Ausgehend von der damaligen Perspektivenwerkstatt hat sich inzwischen ein breites Bündnis aus Bürgern, Gruppierungen und Institutionen gebildet, welches dem geplanten Einkaufszentrum ablehnend gegenübersteht und sich nunmehr durch das bezeichnenderweise von der Stadt bestellte Gutachten bestätigt sieht. Dass dieses Bündnis nicht ohne Bedeutung ist, zeigt schon die Zusammensetzung seiner Mitglieder, u.a. aus Kulurbeirat, Bund Deutscher Architekten, Einzelhandelsverband, Runden Umwelttisch, den Essener Bürgerinitiativen, Kirchenleuten, Experten der Universität sowie der Firma John Thompson und Partner. Letztere hatte seinerzeit im Auftrag der Stadt Essen besagte "Perspektivenwerkstatt Berliner Platz" durchgeführt.

Anstelle eines kurzfristigen und fragwürdigen Konzepts müsse eine langfristige Investitionsstrategie angegangen werden, die das Viertel auch für spätere Generationen attraktiv mache -- so der Appell des Bündnisses. Für die Innenstadt, die soeben dabei sei, wieder an Leben zu gewinnen, würden die Bemühungen regelrecht konterkariert werden.

Folgen für den Radverkehr

Wie anfänglich erwähnt plant die Stadt im Vorfeld der Errichtung des Einkaufszentrums die Umgestaltung der Verkehrsfläche des Berliner Platzes zum Kreisverkehr. Um den prognostizierten Verkehrsmengen gerecht zu werden, sollen die Zufahrten zum Kreisverkehr bis zu fünf Fahrspuren aufweisen, innerhalb des Kreisels sind es größtenteils noch drei Fahrspuren. Da ist es natürlich schwierig, Rad- und Fuß verkehrssicher zu führen.

Genau an diesem Punkt haben sich auch EFI und ADFC die Zähne ausgebissen. Denn die Stadt will partout an dem Kreisverkehr festhalten, obgleich es in Fachkreisen immer wieder heißt, dass Kreisverkehre für die Abwicklung besonders großer Verkehrsmengen
Foto des Berliner Platzes aus der Vogelperspektive
Berliner Platz: Hier plant die Stadt einen Kreisverkehr
zumindest keine Verbesserung darstellen -- erst recht nicht für Radfahrer! Angesichts dieser Haltung der Stadt blieb für EFI und ADFC lediglich die Möglichkeit, auf die Planungen dergestalt Einfluss zu nehmen, dass für die Radfahrer einigermaßen akzeptable Fahrbedingungen herausspringen. Immerhin hatte die Verwaltung schon im Vorfeld Zugeständnisse gemacht. So werden die Radfahrer die zumeist recht breiten Fußwege mitbenutzen dürfen, was auch für die Überwege gilt. Man kann also den Kreisverkehr auch entgegen der Fahrtrichtung umfahren. So lässt sich beispielsweise die Altendorfer Straße von der Ostfeldstraße her kommend schneller erreichen, da man den Kreisel nicht mit 270 umrunden muss.

Letztendlich haben EFI und ADFC dem Kreisverkehr, wenn auch mit erheblichen Bauchschmerzen, zugestimmt. Bei einem Ortstermin Mitte November konnten die Fahrradverbände noch diverse Verbesserungen vorbringen, denen der Bauausschuss als das zuständige politische Gremium auch uneingeschränkt gefolgt ist. Weniger erfolgreich waren die Fahrradverbände bei der östlich angrenzenden Friedrich-Ebert-Straße, die wegen des geplanten Einkaufszentrums ebenfalls umgestaltet werden soll. Dort sind keine Radverkehrsanlagen vorgesehen, obgleich die Friedrich-Ebert-Straße zum Essener Hauptroutennetz gehört!

Friedrich-Ebert-Straße ohne Radverkehrsanlagen

Als Grund führt die Verwaltung Platzmangel an. Und da man weder auf die vierspurige Verkehrsführung noch auf die Abbiegespur zum Einkaufszentrum sowie auf eine Parkspur längs der Fahrbahn verzichten könne, sei für einen Radfahrstreifen o.ä. einfach keine Fläche mehr übrig. Statt dessen soll der Radverkehr vom Berliner Platz ein kurzes Stück die Kreuzeskirchstraße hinauf und dann ostwärts über die Kastanienallee bis zur Rottstraße geführt werden, wo man dann auf die Cityradroute träfe. Außerdem würde nur der westliche Abschnitt der Friedrich-Ebert-Straße umgestaltet, nicht dagegen der östliche Abschnitt sowie der daran angrenzende Viehofer Platz. Diese Bereiche würden auf unbestimmte Zeit für Radfahrer lebensgefährliche Abschnitte bleiben.

EFI und ADFC haben letztendlich auch hier zugestimmt, allerdings nur unter der Bedingung, dass zum einen die Kastanienallee als Fahrradstraße ausgewiesen, zum anderen die bereits vorhandene Radverkehrswegweisung an der Cityradroute, am Viehofer Platz sowie der Altenessener Straße entsprechend abgeändert wird -- und zwar zeitgleich mit der Umgestaltung! Der Umwidmung der Kastanienallee zur Fahrradstraße muss noch die zuständige Bezirksvertretung I zustimmen. Angesichts der Zugeständnisse, die ADFC und EFI in beiden Fällen an den Tag gelegt haben, dürfte dies eigentlich kein Problem sein -- oder ?!

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Winter 2003.
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