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RAD im Pott Winter 2003 Im Pott

10 Jahre Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte

Mehr Fahrrad, weniger Auto

Edwin Süselbeck ist sichtbar zufrieden: "Hier bei uns in Oberhausen hat sich in den vergangenen Jahren echt `was bewegt beim Radverkehr". Der Mann ist vom Fach. Im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC)
Foto des Plakats mit Aufschrift "Essener tun es 49.476mal täglich ...  und zwar in aller Öffentlichkeit" - "Rad fahren"
Plakataktion der AGFS in allen Mitgliedsstädten
ist Süselbeck Vorsitzender der Kreisgruppe für die Städte Mülheim und Oberhausen. Für das Mehr an Bewegung auf zwei Rädern hat nach seiner Einschätzung die "gute Zusammenarbeit" zwischen Stadtverwaltung, der Polizei und den Velo-Aktivisten vom ADFC gesorgt.

Im Rathaus der Emscherstadt hört Dieter Baum als Koordinator für den Radverkehr solche Töne nicht ungern. "Fahrrad-Baum", so sein amtsinterner Spitzname, kann mittlerweile mit statistischen Daten Oberhausens Weg zur Fahrradstadt belegen. Nach einer in diesem Frühjahr vom Münchener Socialdata-Institut für Verkehrs- und Infrastrukturforschung GmbH vorgelegten Studie stieg der Radver-kehrs­ anteil in Oberhausen im Langzeitvergleich von 1995 bis 2002 um gut ein Drittel von fünf auf acht Prozent.

Da gleichzeitig auch die öffentlichen Verkehrsmittel von 14 auf 16 Prozent zulegen konnten, gab es ein dickes Lob von Socialdata für die verkehrspolitischen Anstrengungen der Stadtverwaltung: "In Oberhausen hat es entgegen dem bundesweiten Trend Zuwächse beim Umweltverbund aus ÖPNV und Rad gegeben." Dabei freut sich Dieter Baum vor allem über die Steigerung im Radverkehrssektor: "Auf ähnliche Entwicklungen kann in Nordrhein-Westfalen meines Wissens nur Troisdorf verweisen".

Dass er Troisdorf und Oberhausen in einem Atemzug nennt, kommt nicht von ungefähr: Beide Kommunen gehören der "Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Städte und Gemeinden in NRW" an, kurz AGFS genannt -- und zwar Troisdorf als Gründungsmitglied seit 1993 und Oberhausen seit 2001.

Das damalige Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr hatte die Idee, mit der Gründung der AGFS den Autoverkehr in den Städten zwischen Rhein und Weser zurückzudrängen. Auch aus Sicht des heutigen Verkehrsministeriums und der AFGS erfüllt der Fahrradverkehr nach wie vor "in fast idealtypischer Weise die Ansprüche moderner, zukunftsfähiger Mobilität". Zu diesen Ansprüchen zählen neben Nachhaltigkeit, Stadtverträglichkeit und Ressourcenschonung auch die Freude an der Bewegung.

Offen ist die AGFS prinzipiell für alle NRW-Kommunen. Per Zweirad besucht eine "Bereisungskommission" die Bewerberstädte, die erste Anstrengungen beim Radverkehrsausbau vorweisen und ein Konzept für die künftige Förderung präsentieren müssen. Die Landesregierung unterstützt die AGFS zurzeit jährlich mit rund 400.000 Euro, mit denen vor allem lokale Werbemaßnahmen und die zentrale Öffentlichkeitsarbeit des Velo-Verbundes finanziert werden.

Mittlerweile gehören der Arbeitsgemeinschaft 31 Städte und zwei Kreise an, deren Vertreter sich mehrmals im Jahr treffen. "So wollen wir erreichen, dass die bereits gemachten Erfahrungen vor allem an die Newcomer weiter gereicht werden", so Harald Hilgers, von Beginn an AGFS-Geschäftsführer, "niemand muss das Rad neu erfinden." Einer seiner Tipps lautet mittlerweile: "Mit Markierungen lassen sich
Foto des Schildes "Fahrradfreundliche Stadt in Nordrhein-Westfalen"
schnell und kostengünstig neue Radwege im bestehenden Straßennetz schaffen." Für den Bau neuer Radverkehrsanlagen, so der offizielle Terminus, hätten die Rathäuser ohnehin kaum Geld. Hilgers ist da Fachmann: In der Krefelder Stadtverwaltung ist er für die Planung im Straßenbereich zuständig.

Zu ihren größten Erfolgen zählt die AGFS, dass es in vielen Städten gelungen sei, Einbahnstraßen für den Radverkehr zu öffnen: "Mit unseren Erfahrungen konnten wir auch den Bund-Länder-Fachausschuss überzeugen, dass frühere Vorbehalte nichtig sind, so dass es zu entsprechenden Änderungen bei der Straßenverkehrsordnung kam", sagt Ge­ schäftsführer Hilgers.

Vielleicht kann die AGFS einen ähnlichen Erfolg verbuchen, wenn demnächst versuchsweise auch einige Radwege in den Velo-Städten für Inline-Skater freigegeben werden. Peter London, im Düsseldorfer Verkehrsministerium für die Entwicklung des Radverkehrs zuständig, hält diesen Ansatz für richtig: "Die Arbeitsgemeinschaft hat in diesem Frühjahr ihr Leitbild geändert und fühlt sich nun als Interessenvertretung für den gesamten nichtmotorisierten Verkehr". Der Ausbau der AGFS soll darunter nicht leiden. So ist die Stadt Recklinghausen als 33. Mitglied im Vorfeld der diesjährigen Fahrrad­ messe IFMA im September in Köln aufgenommen worden.

Das findet den Beifall von Ulrike Dörscheln, langjähriges Mitglied im NRW-Landesvorstand des ADFC und ständige Teilnehmerin der AGFS-Bereisungskommission: "Mit der Förderung des Radverkehrs hat Nordrhein-Westfalen Maßstäbe gesetzt. Kein anderes Bundesland hat eine solche Arbeitsgemeinschaft, um die wir beneidet werden." Mit ihrem Background kann Dörscheln bestens die Aktivitäten in den einzelnen AGFS-Kommunen beurteilen: "Viel ist ohne Zweifel in Troisdorf bewegt worden, Köln hat als Großstadt gezeigt, was in Sachen Radverkehr möglich ist, Rückschritte hat es leider in Essen gegeben".

Das bestätigt auch Jörg Brinkmann, Vorsitzender des ADFC-Kreisverbandes in Essen: "Seit dem Sieg der CDU/FDP-Koalition bei der Kommunalwahl 1999 stagniert der Radverkehrsausbau und ist teilweise sogar zurückgefahren worden". Von der Mitte der neunziger Jahre geplanten 1. Ausbaustufe sind nach ADFC-Abschätzung bis heute lediglich zwei Drit-tel umgesetzt, die 2. Phase des Radrou­ ten-Konzeptes liegt auf Eis und wird, so Brinkmann, "sehr heftig blockiert." Bestrebungen, Essen aus der AGFS auszuschließen, hält Brinkmann für genauso berechtigt wie zweischneidig: "Sollte dieser Beschluss fallen, dann läuft bei uns in Sachen Radverkehrsausbau angesichts der leeren Kassen überhaupt nichts mehr."

Das Argument "Leere Kassen" lässt Stadtplaner Dieter Baum aus Oberhausen nicht gelten. Für den Radwegeausbau steht auch ihm nur ein Minietat von 60.000 Euro sowie weitere 12.000 Euro für PR-Maßnahmen zur Verfügung: "Es kommt auf das Bewusstsein an."

Ralf Köpke

Der von dem Journalisten Ralf Köpke verfasste Artikel erschien am 10. September 2003 im Bonner "General-Anzeiger". Ralf Köpke hat dankenswerter Weise den Abdruck in der RAD im Pott gestattet. Die Red.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Winter 2003.
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