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RAD im Pott Frühjahr 2003 Essen

Verwaltung lehnt Umgehung für Radler aus Kostengründen ab

Neuer Messeparkplatz gefährdet Radverkehr

Im Dezember des vergangenen Jahres wurde im ländlichen Bereich von Haarzopf mitten im Landschaftsschutzgebiet an der Lilienthalstraße der höchst umstrittene Messeparkplatz in Betrieb genommen -- pünktlich zur größten Veranstaltung aller Autosüchtigen Deutschlands, der Essener Motorshow. Trotz anhängiger Klagen betroffener Anwohner hatte man den Bau dieses landschaftszerstörenden Großparkplatzes ungerührt durchgezogen. Ausgelegt ist das 7,5 Mio € teure Landschaftsmonster für 3.000 Autos, weitere 2.000 Parkplätze sollen bis zum Frühjahr folgen. Zwei Zufahrten hat man auf der Ostseite der Lilienthalstraße angelegt. Auf dieser Seite liegt auch der bislang sehr gut befahrbare Radweg.

Nun sollte man meinen, dass bei neu angelegten Radwegequerungen die neuesten Erkenntnisse beim Radwegebau mit eingeflossen wären. Leider ist dem nicht so -- man fühlt sich wieder in die 60er Jahre zurückversetzt. Der Messegesellschaft,
Foto des Kreuzungsbereiches mit der Verschwenkung für Radfahrer
Verschwenkung des Radwegs Lilienthalstraße: Radfahrer sind wartepflichtig vor den rechtsabbiegenden Autos
als Bauherr des Parkplatzes auch für die Umgestaltung der Radwege zuständig, scheinen Sicherheitsbelange beim Radverkehr völlig egal zu sein. Sie hat im Bereich der Zufahrten freigeführte Rechtsabbiegespuren anlegen lassen, über die der Radweg nicht geradlinig, sondern im rechten Winkel verschwenkt geführt wird. Aber noch nicht genug -- Radfahrer, die auf dem parallel neben der vorfahrtberechtigten Lilienthalstraße liegenden Radweg eigentlich auch Vorfahrt haben müssten, sind nun plötzlich gegenüber den auf den Parkplatz ein- und ausfahrenden Autos wartepflichtig! Und das, obwohl die Autofahrer nur ein paar Meter weiter ebenfalls ein "Vorfahrt gewähren"-Schild vor der Nase haben. Um diesen absurden Zustand zu rechtfertigen, hat sich das Tiefbauamt als die für die verkehrsrechtlichen Belange zuständige Behörde eine fragwürdige Begründung ausgedacht: Weil der Radweg wegen der Verschwenkung nunmehr im rechten Winkel über die Abbiegespur führe, würde der Radler hier nun faktisch abbiegen. Daher sei er wartepflichtig.

Bei einem auf Drängen von EFI und ADFC kurz vor der Eröffnung des Parkplatzes einberufenen Ortstermin versuchte der hierfür zuständige Mitarbeiter des Tiefbauamtes die völlig verkorkste Situation vor Ort mit der oben angeführten Begründung zu rechtfertigen. Völlig entgegengesetzter Meinung war nicht nur der im gleichen Amt tätige kommissarische Fahrradbeauftragte, sondern auch der Vertreter des Straßenverkehrsamtes sowie der ebenfalls anwesende Polizeibeamte aus dem Verkehrsreferat im Polizeipräsidium. Fakt ist, dass nunmehr die Autos mit hoher Geschwindigkeit auf den Parkplatz brettern können, ein Angebot, welches beispielsweise das in dieser Hinsicht besonders auffällige Publikum der Motorshow bereitwillig angenommen hat.

Im Januar hat das Tiefbauamt in einem Schreiben an EFI und ADFC seinen Standpunkt noch einmal bekräftigt. Der neugebaute Radweg entspräche durchaus den heute gültigen Standards beim Bau von Zweirichtungsradwegen -- ein Standpunkt, den EFI und ADFC absolut nicht teilen. In einer sich fahrradfreundlichen bezeichnenden Stadt müssen die Belange des Radverkehr gleichberechtigt neben denen des Autoverkehrs stehen, was hier jedoch nicht der Fall ist. Im dem Verwaltungsschreiben ist von dem Prinzip "Sicherheit geht vor Leichtigkeit des Radverkehrs" die Rede. Dabei wird jedoch Ursache und Wirkung verwechselt. Die Gefährdung ist nämlich erst durch die grottenschlechte Anlegung der freigeführten Rechtsabbiegespur in Verbindung mit der Verschwenkung des Radweges ausgelöst worden.

In dem Schreiben wird leider auch nicht auf den von EFI und ADFC vorgelegten Kompromiss eingegangen, welcher vorschlägt, zum einen die "Vorfahrt gewähren"-Schilder für die Autos einige Meter zurückzuverlegen (also vor die Radwegeübergänge), zum anderen besagte Übergänge rot einzufärben. Damit könnte man die notwendige Umkehrung der Vorfahrtregelung durchführen. Ansonsten bliebe nach Ansicht von EFI und ADFC nur die teure bauliche Lösung, soll heißen die nachträgliche Begradigung des Radweges sowie die Verkleinerung der Kurvenradien bei den freigeführten Rechtsabbiegespuren, um die Geschwindigkeit abbiegender Autos zu senken. Mitte März soll noch einmal ein Gespräch mit allen Beteiligten stattfinden... .

Interessante Alternativrouten

Eine nur begrenzt nutzbare Alternativroute ist die hinter dem Parkplatz verlaufende kleine Straße "Am Treppchen", ursprünglich eine gute Diagonalverbindung für Radler zwischen der Lilienthalstraße und der Meisenburgstraße. Leider hat man jedoch die schmale Unterführung dieser Straße unter der A 52 zur Parkplatzausfahrt umfunktioniert, so dass dieser Bereich an Messetagen faktisch unpassierbar geworden ist.

Viel interessanter ist der im vergangenen Jahr von den Grünen in der Bezirksvertretung III eingebrachte Vorschlag, den auch EFI und ADFC für bestechend halten. Als großräumige und sichere Umgehung für den an der Lilienthalstraße verkorksten Radweg wird vorgeschlagen, weiter westlich die derzeit unmittelbar vor der A 52 endende Eststraße mittels einer neuen Unterführung unter der Autobahn fortzuführen und mit der auf der anderen Seite an der Meisenburgstraße beginnenden Wallneyer Straße zu verbinden. So ganz nebenbei wäre damit auch eine neue, abseits vom Autoverkehr liegende Verbindung für das Hauptroutennetz von Haarzopf bis ins Ruhrtal geschaffen.

Zu teuer -- sagt die Verwaltung. Das mag für die Stadt vielleicht auch zutreffen. Schließlich gibt es auch noch andere Radrouten, deren Realisierung vorrangig ist. Aber eine Messegesellschaft, welche den Bürgern einen 7,5 Mio € teuren Parkplatz vor die Nase setzt, sollte auch für etwaige Folgen in die Pflicht genommen werden. Es ist eben dieser Parkplatz, welcher zu der gefährlichen Situation am Radweg Lilienthalstraße geführt hat. Nach Ansicht von EFI und ADFC ist es daher mehr als recht und billlig, wenn die Messe hier mit einer neuen Radroute für Abhilfe sorgt.

J.B.


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Dieser Artikel erschien in der RAD im Pott Frühjahr 2003.
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